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Der Maulkorb – besser als sein Ruf?

Kaum ein Begriff rund um den Hund ist so negativ belegt wie der Maulkorb. So kommt es mir zumindest vor. Der Gesichtsausdruck, den ich bei vielen Menschen wahrnehme, wenn ich ihnen erzähle, dass die erste Maßnahme ist, ihrem Hund einen Maulkorb aufzusetzen, ist von Schrecken begleitet. „Ein Maulkorb? Wirklich? neeee? Wirklich?“. 

Niemand wünscht sich einen Maulkorb-Träger

Natürlich wünscht sich niemand, dass sein Hund nur noch mit Maulkorb heraus gehen kann. Suggeriert ein Maulkorb doch Gefährlichkeit. Dazu kommt dann ein Gefühl, was wohl am ehesten mit Verachtung oder Unverständnis zu beschreiben ist. Ich selbst gehe mit meinem Hund sehr viel mit Maulkorb raus und viele Leute gucken mich an, als hätte ich meinen Hund nicht im Griff und als würden sie am liebsten sagen:“ach so schwer ist das bisschen Hundeerziehung doch nicht“. Dies kann natürlich auch an meiner Wahrnehmung liegen. Vielleicht schwingt auch eine Menge Respekt für mich mit, weil ich einen schwierigen Hund habe, und mich für ihn und nicht für die Aufgabe oder Abgabe im Tierheim entschieden habe. Gespräche mit anderen Hundebesitzern, die ihrem Hund einen Maulkorb aufsetzen, bestätigen aber, dass man sich eher verachtet vorkommt, denn Verständnis aufgebracht wird. Um diesem „Dilemma Maulkorb“ zu entgehen, entscheiden sich viele Halter dafür, ihren Hund nur noch an der kurzen Leine zu halten oder ihre Spaziergänge so zu gestalten/legen, dass sie auf wenig andere Mitmenschen/Hunde treffen. 

Der Maulkorb – Bringt Sicherheit und Freiheiten

Dass ein Maulkorb aber auch viel Sicherheit, ja sogar mehr Freiheiten gibt, als man auf dem ersten Blick denken würde, bedenken viele Hundebesitzer nicht. Für mich ist der Maulkorb die oft einzige Möglichkeit, sozial unsichere Hunde oder konfliktaufsuchende Hunde in den Sozialkontakt mit Artgenossen zu lassen. So kann ich sichergehen, dass niemand verletzt wird. Zudem laufe ich nicht Gefahr, dass der Hund durch Beißerfolg seine Hemmschwelle für derartiges Verhalten weiter senkt. 

Bei potentiell gefährlichen Hunden (damit sind natürlich nur Individuen und keinesfalls spezifische Rassen gemeint) sehe ich eine Verpflichtung, den Hund mit einem Maulkorb zu sichern. Ich kann noch so sicher sein, meinen Hund auch in schwierigen Situationen gut halten zu können. Niemand kann vorhersagen, ob ich mal stolpere oder das Material versagt. Mir selbst ist es schon passiert, dass sowohl ein Karabinerhaken an der Leine, als auch der Plastikverschluss am Halsband, ihren Geist aufgegeben haben. Ich hatte Glück, dass in diesen Situationen nichts Ernsteres passiert ist.

Wie erkenne ich einen guten Maulkorb?

Ein guter Maulkorb schränkt den Hund kaum ein. Er gibt ihm die Möglichkeit, zu trinken,  zu hecheln, zu gähnen und sich zu übergeben. Erfüllt der Maulkorb diese Eigenschaften und sitzt er sicher, sodass der Hund nicht in der Lage ist, sich selbst des Maulkorbes zu entledigen, spreche ich von einem gut sitzenden Maulkorb. Welche Marke und welches Modell ich benutze, hängt vor allem von der Kopf- und Schnauzenform meines Hundes ab. Boxer brauchen einen anderen Maulkorb als Afghanen, Molosser einen anderen als Zwergspitze. Aus welchem Material der Maulkorb gemacht ist, ist dabei nicht von Bedeutung. Wichtig sind neben den genannten Punkten vor allem Tragekomfort für den Hund und Vermeidung von Verletzungsrisiken anderer Tiere. Tatsächlich habe ich schon Wunden bei Hunden gesehen, die durch unsaubere Schweißnähte bei Drahtmaulkörben entstanden sind. Auf saubere Verarbeitung sollte also geachtet werden. Dabei muss ein guter Maulkorb nicht teuer sein. Ich benutze viele Modelle, die im normalen Zoofachgeschäft, für 15-20 Euro zu erwerben sind. 

Eine Bitte hätte ich an alle Leser, die ihrem Hund einen Maulkorb aufsetzen. Bitte benutzen Sie keine Maulschlaufen. Maulschlaufen sind trichterförmige, dicke Bänder, die eng um das Maul des Hundes gelegt werden – eigentlich kann man hier gar nicht von einem Maulkorb sprechen. Die Hunde haben beim Tragen dieser Maulschlaufen keine Möglichkeit, zu hecheln oder sonst in irgendeiner Art den Mund zu öffnen/bewegen. Der einzige Anwendungsbereich sollte der kurze Tierarztbesuch sein, wenn kein anderer passender Maulkorb zur Verfügung steht. Länger als 2-3 Minuten sollte kein Hund so eine Schlaufe tragen müssen.

Mein Balou trägt seinen Maulkorb ohne Beschwerde. Seinen ersten Maulkorb, der nicht so gut saß, hat er ständig versucht von der Schnauze zu bekommen. Seit wir einen Maulkorb haben, der wirklich gut sitzt, macht er das nicht mehr. So kann er mehr Freiheiten genießen, ohne dass es gefährlich werden kann. Und das ist doch etwas gutes, nicht wahr?

Theoretische Grundlagen des Hundetrainings – Lernen

In meinem Berufsalltag als Hundetrainer in Wuppertal habe ich mit verschiedensten Hunden, Menschen und Problemen im Zusammenleben zwischen Mensch und Hund zu tun. Von unsicheren Hunden, die aus Überforderung anfangen zu pöbeln, über Eigenarten, die sich entwickeln und die Hundehalter in zur Verzweiflung bringen bis hin zu dickköpfigen Hunden, welche die Nerven der Menschen auf die Probe stellen, ist alles mit dabei. Egal welche Probleme die Menschen auch haben mögen, eines haben sie alle gemeinsam. Sie müssen sich mit den Grundlagen des hundlichen Lernverhaltens auseinandersetzen, um zu verstehen, wie das ungewollte Verhalten entstanden ist, und wie wir das Verhalten in eine andere Richtung drehen können.

Wie lernt der Hund?

Hunde lernen vor allen Dingen aus den unmittelbaren Folgen ihrer Handlungen. Als Hundehalter muss ich mich in den Hund hineinversetzen und aus seiner Perspektive betrachten, was in einer bestimmten Situation passiert ist. Ein Beispiel:

Wir befinden uns auf dem Hundespaziergang. Unser Hund sieht einen anderen Hund, zu dem er gerne hingehen möchte. Er fängt an, an der Leine zu ziehen. Wir kennen den anderen Hund und wissen, dass die beiden Hunde sich verstehen. Deshalb gehen wir zusammen mit unserem Hund in die Richtung des anderen Hundes, der stehengeblieben ist, weil sein Hund ebenfalls in die Richtung unseres Hundes zieht. Am Ende haben die beiden Hunde Sozialkontakt. Sie haben ihr Ziel erreicht, indem beide an der Leine gezogen haben und die Richtung vorgegeben haben. Der Lernvorgang beim Hund könnte so aussehen:

Ich möchte zu dem anderen Hund -> Letzte Mal habe ich mein Ziel erreicht, indem ich an der Leine gezogen habe, Herrchen/Frauchen ist dann mitgekommen -> Diese Taktik werde ich wieder versuchen, weil sie erfolgreich war.

An der Leine sollte der Hund nicht ziehen.

Der Hund hat Ziele / eine Motivation

Und genau darum geht es. Der Hund darf gerne Erfolgreich sein. Er darf seine Ziele erreichen und seine Bedürfnisse befriedigen, solange sie unser Zusammenleben oder das Leben anderer nicht belasten. Wir müssen uns die Motivation bzw. das Ziel des Hundes zu Nutze machen, um das Verhalten des Hundes in gewünschte Bahnen zu lenken. Zurück zu unserem “Der Hund will zu einem anderen Hund” – Szenario:

Das Ziel unseres Hundes ist der Sozialkontakt zu einem anderen Hund. Er darf es erreichen, wenn er sich an unsere Regel “An der Leine wird nicht gezogen” hält. Konkret bedeutet das, dass ich nur weiter auf den Hund zugehen sollte, wenn der Hund an lockerer Leine läuft. Führt das Ziehen nämlich nicht zu dem gewünschten Ziel des Hundes, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dieses Verhalten erneut zu zeigen. In der Theorie bedeutet das: Lasse ich den Hund konsequent nicht zum Erfolg kommen, wenn er an der Leine zieht, wird er stets an lockerer Leine laufen.

Als Belohnung für gute Leinenführigkeit, bekommt der Hund Sozialkontakt

Dabei greife ich äußerst selten auf Futter als Belohnung zurück. Futter ist eine von außen hinzugefügte Belohnung und ist selten so wirksam, wie die eigentliche, innere Motivation des Hundes.

Natürlich gibt es noch viele weitere Dinge beim Lernverhalten des Hundes zu beachten, doch meiner Meinung nach ist die Arbeit mit der inneren Motivation des Hundes und die Betrachtung der Situation aus den Augen des Hundes heraus ein wesentlicher Erfolgsfaktor für langfristig erfolgreiches Training mit dem Hund.

Gesundheit und Verhaltensänderungen

Gesundheit und Verhalten

Chiko ist eine siebenjährige Rottweilerdame, die seit einigen Monaten erhebliche Aggressionen gegenüber fremden Menschen zeigt. Noch vor Jahren hat sie den Wesenstest, eine Leinen- und eine Maulkorbbefreiung, anstandslos bestanden. Laut Aussage der Besitzerin ist nicht vorgefallen, was wir als einschneidenes Erlebnis einordnen können. „Hat Ihr Hund etwas schlechtes erlebt?“ ist schließlich die erste Frage, mit der Hundebesitzer konfrontiert werden, wenn sie einen bellenden Hund an der Leine haben. In der Tat gilt auch für mich als Verhaltensberater möglichst viel über die Entwicklungsgeschichte des Hundes zu erfahren.

Hundeschule Wuppertal - Rottweiler.JPEG
Rottweiler sind besonders häufig von der Schilddrüsenunterfunktion betroffen

Doch Chikos Geschichte beinhaltet keine traumatisierenden Ereignisse, die ihre plötzliche Wesensveränderung erklären würden. Deswegen frage ich meine Kundin, ob Chiko gesundheitliche Probleme hat. Wie sich herausstellt, ist ihre Krankenakte gut gefüllt. Als Welpe werden ihr Tumore in der Gesäugeleiste entfernt. Sie wird frühkastriert. Ein Kreuzbandriss legt die Hündin lahm, als sie ein Jahr alt ist. Mittlerweile leidet Chiko ebenfalls an einem grünen Star und hat mit starkem Übergewicht zu kämpfen.

Das Anamnesegespräch zeigt: Chikos Wesensveränderung könnte in ihrem physischen Zustand begründet liegen. Gerade der grüne Star und eine damit einhergehende Beeinträchtigung der Sehfähigkeit kann einen Hund verunsichern und/oder zu Verhaltensänderungen führen. Natürlich könnte ebenso eine andere Krankheit oder Schmerzen ursächlich für Chikos Verhalten sein. Grundsätzlich gilt: Medizinische Gründe sollten zuerst ausgeschlossen werden, bevor wir mit dem Mensch-Hund-Training beginnen.

Ist es die Schilddrüse?

Der Rottweiler steht auf der Liste der Hunderassen, die besonders häufig von einer Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) betroffen sind. Das starke Übergewicht könnte ein Indiz dafür sein.
Die Schilddrüse ist ein hormonproduzierendes Organ im Halsbereich des Hundes. Es produziert die Hormone T3 (Trijodthyronin) und T4 (Thyroxin).

Diese Schilddrüsenhormone sind für die Regelung des Eiweiß-, Fett- und Zuckerstoffwechsels zuständig und nehmen somit eine zentrale Rolle für die Funktionstüchtigkeit vieler Organe ein. Neben den rein körperlichen Auswirkungen kann die Hypothyreose auch das Verhalten der Vierbeiner beeinflussen. Neben plötzlichen Aggressionen und unwillkürlich erscheinenden Wutausbrüchen, sind auch Depressionen und übersteigerte Angst als Begleitsymptome zu beobachten.

Wenn Ihr Hund also sein Verhalten verändert, und Ihnen kein besonderes Ereignis präsent ist, was diese Veränderung begründen könnte, lassen Sie Ihren Hund vor Trainingsbeginn auf jeden Fall durch einen sachkundigen Tierarzt/ eine Tierärztin durchchecken.

Ein umfangreicherer Artikel über die Schilddrüse findet ihr HIER

Hund resozialisieren? Eine Einschätzung

Kann man unsoziale Hunde resozialisieren?

Viele Hundetrainer rühmen sich damit, aggressive Hunde wieder zu resozialisieren. Doch was bedeutet eigentlich aggressiv, was bedeutet soziales Verhalten im Hundereich, und kann man unsoziale Hunde überhaupt vollends resozialisieren? Ich versuche mal, einen Überblick zu geben.

Das Wort “Sozial” findet seinen Ursprung in der lateinischen Sprache. Nun habe ich mein Latinum nicht mehr gemacht, weil ich nach 4 Jahren genug hatte, und mich nicht ein weiteres Jahr quälen wollte. So helfe ich mir heute mit den im Internet verfügbaren Definitionen und finde Bedeutungen wie “gesellig”, “gesellschaftlich” und Synonyme wie “gemeinnützig”, “karitativ” und “hilfsbereit” sein. Ich benutze in meinen Stunden und Vorträgen ebenfalls gerne die Übersetzung “gesellschaftsfähig sein”.

Was bedeutet sozial, also gesellschaftsfähig, heute?

Die Gesellschaft, das sind alle Menschen und auch die Haustiere der Menschen. Die Ansprüche an unsere Hunde hat sich (in Deutschland bzw. der industrialisierten Welt) in den letzten Jahren (Jahrzehnten, Jahrhunderten) deutlich gewandelt. Echte Wachhunde, Jagdhunde, Aufpasser oder Personenschützer sind heute kaum noch gefragt. Gefühlt ist jedes Bellen des Hundes unerwünscht. Ist ein Hund nicht zu jedem anderen Hund überfreundlich, wird er als unsozial und unerzogen abgestempelt. Das bekomme ich mit Balou jeden Tag durch die Blicke eines manchen Hundehalters oder Menschen mitgeteilt. Der Wunsch nach einem ständigen Begleiter, der in jeder Situation brav und ruhig ist, ist größer denn je. Dieses Idealbild scheint sich stetig von dem echten hundlichen Verhalten zu entfernen.

Die Hunde in diesem Bild lassen nach dem heftigen Protest des blonden Hundes ab. Hier war ein Eingreifen des Menschen nicht nötig.

Der Hund ist heute überwiegend Sozialpartner und kaum noch Arbeitstier. Das ist erst einmal auch gar nicht schlimm. Doch wir dürfen die Natur des Hundes trotz aller widernatürlicher Domestikation nicht aus den Augen verlieren. Bellen, Knurren, Beißen. Eigentlich alles ganz normal.

Jeder Hund ist aggressiv – aus gutem Grund

Alle Hunde kommunizieren aggressiv. Und die Evolution hat sich etwas bei dieser Kommunikationsform gedacht. Gut sozialisierte Hunde tragen Konflikte bis zu einer bestimmten Intensität stets unblutig aus. Zu groß wäre die Gefahr, bei einer Verletzungsintention des eigenen Angriffes selbst verletzt zu werden. Früher – im langen Zeitraum der Entwicklung der hundlichen Kommunikation – gab es keine Tierärzte und -Kliniken, welche die Wunden der Hunde versorgt hätten.

Schnell wird aus einer unsauberen Wunde eine Infektion und ein echter Nachteil im täglichen Kampf um Fortpflanzung und Überleben. Zur aggressiven Kommunikation zählen hier eben auch das Fixieren, Knurren oder das Bellen. Aussagen wie “der ist aggressiv” sind per se also eher unzutreffend, möchte ich das Verhalten eines Hundes gegenüber das eines anderen abgrenzen. Besser wären aussagen wie: “Der Hund reagiert aber unangemessen” oder “Die Intensität, mit welcher der Hund hier agiert, ist nicht verhältnismäßig”. Diese Sätze spiegeln die Intention der meisten Menschen, die das Wort “aggressiv” benutzen vermutlich deutlich besser wieder.

Wann ist ein Hund also unsozial und muss reoszialisiert werden?

Für mich sind Hunde dann unsozial, wenn sie nicht verhältnismäßig reagieren. Verhältnismäßigkeit ist natürlich eine etwas subjektive Kennzahl, die immer situativ zu bewerten ist. Man erkennt schnell, dass man hier, wie so oft, nicht pauschalisieren kann, sondern es sich stets um eine Einzelfallentscheidung handelt. Ein Beispiel: Als Balou vor einigen Jahren noch fremde Menschen angegriffen hat, weil er Angst vor ihnen hatte, war das sicherlich nicht verhältnismäßig. Bellt er heute fremde Menschen an, weil er Angst vor ihnen hat, ist es das sehr wohl. Das Bellen gehört in den Verhaltensapparat der Hunde und sollte bei der Arbeit mit Hunden niemals unterdrückt werden.

Wie funktioniert Resozialisierung?

Resozialisierung bedeutet, den Hund “wieder (“re”) gesellschaftsfähig machen”. In der Hundewelt wird dies meist auf sogenannte Problemhunde oder als “übersteigert aggressiv” geltende Hunde beschränkt. Doch im Grunde genommen sind auch unkontrolliert jagende Hunde oder vor Angst panisch flüchtende Hunde nicht gesellschaftsfähig. Denn: In diesen Situationen entwickeln die Hunde einen echten Tunnelblick, und nicht selten finden sich die Vierbeiner auf der ein oder anderen Straße wieder, wo natürlich schnell Unfälle mit Tier- Blech oder Personenschaden auftreten können.

Aber auch ich möchte mich überwiegend auf die “aggressiven Problemfälle” konzentrieren, zumindest im Rahmen dieses Beitrages hier. In Behörden werden auffällige Hunde oft als “übersteigert aggressiv” bezeichnet. Das erste Problem, auf das wir treffen, ist auch hier ein Definitionsproblem. Nirgends ist festgehalten oder definiert, “wie” aggressiv ein Hund sein darf. Wie viel Bellen und Beißen ist “normal”, was ist “übersteigert”? Keine Ahnung. Ich sagte bereits, dass es aus meiner Sicht immer eine Einzelfallbetrachtung der Situation ist.

Gehen wir davon aus, dass ein Hund andere Hunde oder Menschen angreift. Dies ist aus meiner Erfahrung das häufigste “Problemverhalten” von Hunden, bzw. Hund-Mensch Teams, die sich an einen Hundetrainer wenden. Meist sind es eher harmlose Pöbeleien an der Leine, die maximal die Intensität von Scheinangriffen erreichen. Doch in seltenen Fällen drehen die Schaltkreise der Vierbeiner komplett durch und es liegen echte Tötungsintentionen und Tendenzen zu ungehemmten Angriffen vor. In jedem Fall gilt für mich: Symptome bekämpfen hilft langfristig nicht. Ich muss die Ursachen für ein Verhalten finden und beseitigen, um langfristig Erfolg zu haben.

Dazu brauche ich natürlich die maximale Information über einen Hund und das Mensch-Hund Team. Wann wurde der Hund geboren, wie wurde der Hund geboren, aufgezogen und wie lange ist der Hund schon in der Familie? Was bekommt der Hund zu fressen, wie sieht der Alltag aus? Wie und wann sind die Probleme zum ersten mal aufgetreten und wie haben sie sich intensiviert? Wie haben Halter und Hund sich dann in der Situation verhalten? Gibt es Erkrankungen oder Verletzungen des Hundes oder hat der Hund evtl. mal schlechte (oder gar keine ) Erfahrungen gemacht? Sicher gibt es noch unzählige weitere Fragen, die wichtig für eine umfassende Anamnese nötig sind.

Jeder Hund ist ein Unikat – Und jedes Mensch-Hund Team verdient es, individuell beraten zu werden

Habe ich alle Informationen zusammen, und ist eine medizinische Ursache für ein Problem ausgeschlossen, kann ich mir besagte Situation anschauen und das Problem analysieren. Ziel der Analyse ist dabei, eine oder mehrere Ursachen für das (vermeintliche) Fehlverhalten des Hundes zu finden.

Beispiel Angst und Überforderung – die häufigste Ursache für sogenannte Problemhunde

Ich habe täglich mit Kunden zu tun, die mit ihren “Problemhunden” an mich herantreten. Dabei stelle ich fest, dass sich das Verhalten der Hunde häufig durch ähnliche Ursachen entwickelt und in immergleichen Mustern auftritt. Ein Schlüsselpunkt dabei: Die Mensch – Hund Beziehung.

Es tut mir Leid, aber hier muss ich nochmal ein wenig ausholen. Hunde sind soziale Tiere und leben mit uns Menschen in sozialen Gruppen. Die wenigsten Hunde sind jedoch derart selbstbewusst, dass sie problemfrei die Führung einer Gruppe in der heutigen Gesellschaft übernehmen können. Dafür liegen die Gründe nicht nur in der Natur des Hundes, sondern vor allen Dingen in der (Früh-) Entwicklung der Tiere. Viele Hunde kommen heute aus dem Ausland, wo sie ihre Kindheit und Jugend auf “der Straße” oder in Sheltern verbracht haben. Reizarme Aufzucht, (Früh-) Kastration und soziale Isolation in “Einzelhaft” sorgen für massenweise unsichere Hunde, die nach einer Einfangaktion in das hochindustrialisierte Deutschland gebracht werden.

Oftmals wird diese Aktion als “Rettung” bezeichnet. (Ein kleiner Seitenhieb gegen den Auslandstierschutz. Es spränge aber den Rahmen, dieses Thema hier ausführlich zu diskutieren).

Es ist jedenfalls nicht verwunderlich, dass heute viele Hunde tendenziell eher unsichere Vertreter ihrer Zunft sind. Was benötigen unsichere Hunde? Richtig: Führung, Anleitung und dadurch folgend Sicherheit. Oftmals mangelt es bei Hundebesitzern aber genau an dieser Stelle. Die Folge: Der Hund übernimmt selbst die Verantwortung und zeigt sich recht schnell überfordert mit der Führungsrolle. Er sucht sein Heil in aggressivem Verhalten. Denn: Der Hund ist nicht blöd und lernt in den meisten Situationen nach einem ganz einfachen Schema: Aus den unmittelbaren Folgen seines Handelns. Sprich:

“ich verhalte mich so (Verhalten A) und das (Reaktion A) passiert”. 

Geht ein Hund seinem genetisch einprogrammierten Verhalten nach und bellt das Unheimliche (z.B. einen fremden Menschen) an, und nimmt dieser daraufhin Abstand, lernt der Hund: Bellen führt zu einer positiven Lösung (für den Hund) der Situation. Super! In der nächsten ähnlichen Situation wird der Hund mit großer Wahrscheinlichkeit wieder zu diesem Verhalten greifen, um die Situation zu lösen. Ein “Problemhund” ist geboren.

Der Resozialisierungsprozess

Wie arbeiten wir nun an einem solchen Problem, um es langfristig und sicher zu beheben? In der Theorie scheint dies einfach. Ich eliminiere die Ursache, dann tritt das Problem nicht mehr auf. Ganz so einfach ist es in der Praxis leider nicht. Eine Option wäre die Isolation von Stressoren, die aber eher selten praktikabel ist. Lebe ich nicht irgendwo in der Pampa, kann ich mich selten von allen den Hund stressenden Einflussfaktoren isolieren.

Besser ist es, die Mensch-Hund Beziehung zu optimieren, also eine essentielle Basis für ein erfolgreiches und stressfreies Miteinander zu bilden. Danach kann ich anfangen, den Hund mit der Situation zu konfrontieren. Wichtig ist hierbei, dass wir stets mit moderatem Stress arbeiten. Was moderater Stress ist, ist leider auch nicht pauschal zu beantworten, sondern situativ zu entscheiden. Wir müssen uns überlegen, welches Verhalten wir vom Hund wünschen, welches Verhalten also als “Zielverhalten” von uns definiert wird.

Langfristig das Selbstbewusstsein des Hundes stärken

Sicher und zuverlässig wird besagtes Problem sich nur lösen lassen, wenn der Hund selbstbewusst durch die Begegnung mit einem Stressor kommt. Helfen kann hier, wenn der Hund seinem Menschen vertrauen lernt, was natürlich voraussetzt, dass wir die Bedürfnisse und das Ausdrucksverhalten des Hundes kennen und Lösungen für den Hund präsentieren. Dabei darf der Hund gerne sein normales Ausdrucksverhalten, z.B. Bellen, zeigen. Erlaube ich z.B. dem Hund fremde Menschen anzubellen und mir somit zu signalisieren, dass dort eine Situation ist, in der sich der Hund unwohl fühlt, kann dies langfristig sein Selbstbewusstsein steigern. Der Hund weiß dann: Zur Not kann ich Bescheid geben, dass ich mich unwohl fühle und Herrchen / Frauchen werden dann eine Lösung für mich finden. Natürlich gehen wir auch hier nach der bekannten Philosophie “gewolltes Verhalten verstärken, ungewolltes Verhalten sanktionieren” vor. Wie gesagt, sollten wir das ungewollte Verhalten jedoch nicht um Dinge wie Bellen erweitern, wenn der Hund Angst hat. In der Theorie stellt sich das Bellen ab, wenn der Hund auch keine Angst mehr hat.

Konkrete Erfolgsgeschichten, Bilder und Videos, Anekdoten und Tipps bekommen Sie in meinen Vorträgen bei der Paracelsus Heilpraktikerschule in Aachen, Dortmund, Düsseldorf und Koblenz.

Foto: Nadine Golomb – Nadisign

NEU: Alexander Schillack in Wuppertal

Verhaltensberatung zieht um ins Tal!

Einige von euch wissen es bereits: Ich verlasse das wunderschöne (*Hust*) Gelsenkirchen und ziehe von der Emscher an die Wupper. Ab April heißt es also: Verhaltensberatung in Wuppertal anstatt im Pott. Wobei, nicht ganz!

Termine weiterhin auch in Gelsenkirchen, Recklinghausen und Co.

Wuppertal ist ja nicht ganz aus der Welt, und so wie ich auch jetzt schon in Bochum, Dortmund, Essen oder Oberhausen arbeite, werde ich auch in Zukunft weiterhin Verhaltensberatung im Ruhrgebiet anbieten. Natürlich muss man dann nicht die Anfahrt aus Wuppertal bezahlen, das wäre unfair. Termine werden einfach zusammengelegt und so bleibt die Anfahrt wie gewohnt günstig.

Keine klassische Hundeschule – individuelle Beratung vom Hundetrainer

Ich werde in Elberfeld wohnen, aber wie immer arbeite ich ohne festen Platz, sondern in Einzelstunden beim Kunden zu Hause oder auf der “Hausrunde” – eben da, wo Probleme auftauchen und sie trainiert werden sollten.

Auch in Wuppertal könnt ihr mich unter der Nummer 0176 433 68 581 erreichen, oder eine Mail an info@Hundeschule-Care.de schreiben.

Wie ich die Aufregung meines Hundes in den Griff bekomme

Trainingstipp: Aufregung vor dem Spaziergang

Louies Ohren stellen sich auf, seine Augen weiten sich und er setzt sich auf. Sofort fängt er an zu zittern und zu janken. Ein Bellen kommt unkontrolliert aus ihm heraus und er läuft hektisch zur Wohnungstür, wobei er zu schnell um die Ecke läuft, ausrutscht und laut polternd gegen die Badezimmertür knallt.

Was dieses Verhalten bei ihm ausgelöst hat? Ich habe meine Pantoffel gegen Schuhe getauscht. Ein klares Zeichen: Es geht ab nach draußen. Nicht jedes Mal, wenn ich die Wohnung verlasse, kommt Louie mit. Dennoch ist er mittlerweile nervös und aufgeregt, sobald er nur den Eindruck hat, es könnte nach draußen gehen.

In meinem Privatleben bin ich auch Hundehalter, habe dementsprechend dieselben Probleme wie du. Ich habe schon früh bemerkt, dass sich das oben beschriebene Verhalten bei Louie zur Gewohnheit entwickelt hat, dagegen getan habe ich allerdings nichts. Faulheit ist vermutlich der hier zu nennende Grund. Oder ich wollte für euch einen Trainingstipp schreiben, und meine eigenen Tipps verifizieren. Natürlich nicht. Ich habe einfach verpasst, von vornherein das Verhalten in von mir gewünschte Bahnen zu lenken. Nun sehe ich mich mit dem einjährigen Jagdhundemischling konfrontiert, der in Sekundenbruchteilen maximal aufgeregt wird. Glücklicherweise weiß ich, wie man diesem Verhalten entgegenwirken kann.

Wieso ist der Hund aufgeregt?

Wie bei allen Verhaltensweisen des Hundes, die ich verändern möchte, frage ich mich hier zuerst nach dem Grund für Louies Verhalten. Das Bellen, das Quieken und das Zittern sind allesamt Ausdruck von heftiger Erregung/Aufregung. Da wir dazu neigen, alles zu vermenschlichen, was die Hunde fühlen, könnte man es hier am ehesten mit Vorfreude gleichsetzen. Sicher haben wir uns alle als Kind (oder auch als Erwachsener) schonmal so sehr auf etwas gefreut, dass wir es fast nicht mehr ausgehalten haben. So ergeht es Louie in dieser Situation.

Hat der Hund also auf den Spaziergängen zu viel Spaß? Sollte der Spaziergang für ihn weniger erfreulich sein? Natürlich nicht! Das wäre wohl der unsinnigste Schluss, den man aus Louies Verhalten ziehen kann. An sich ist es ein gutes Zeichen, dass der Hund sich freut, mit mir rauszukommen. Die wichtigste Frage ist für mich in diesem Zusammenhang aber:

Wie kann ich Louies Verhalten beeinflussen?

Verhalten von Hunden kann auf verschiedene Weisen beeinflusst werden. Hunde lernen vor allen Dingen aus den unmittelbaren Folgen ihres Handelns. Vereinfacht gesagt: Was habe ich gerade gemacht, und was passierte daraufhin bzw. welche Folgen hatte mein Verhalten. Schauen wir uns die Grundprinzipien hundlichen Lernens an:

Positive Reize:

Durch die Arbeit mit positiven Reizen kann ich ein Verhalten verstärken, also dafür sorgen, dass es tendenziell häufiger gezeigt wird. Ebenso kann ich aber auch durch die Wegnahme eines positiven Reizes die Wahrscheinlichkeit für das Zeigen einer Verhaltensweise verringern.

Verhalten -> Es folgt ein positiver Reiz -> Verhalten wird häufiger gezeigt

Verhalten -> Ein positiver Reiz wird weggenommen oder bleibt aus -> Verhalten wird weniger gezeigt

Welche Form der positive Reiz annimmt, sollte immer von verschiedensten Faktoren abhängen. So sollte der Charakter des Hundes, die Mensch-Hund Beziehung, die Rasse des Hundes, das Alter des Hundes, der situative Kontext und der Trainingsstand des Hundes mit in die Entscheidung über den richtigen positiven Reiz mit einbezogen werden. Denke ich mich in mein Szenario von Beginn ein, dass ich die Wohnung verlassen möchte, ist ein Leckerchen sicher kein adäquater Ersatz für das Mitkommen auf den Spaziergang.

Natürlich können wir auch mit negativen Reizen das Verhalten von Hunden beeinflussen. Die Grundprinzipien sind ähnlich:

Verhalten -> Es folgt ein negativer Reiz -> Verhalten wird weniger gezeigt

Verhalten -> Ein negativer Reiz wird weggenommen -> Verhalten wird häufiger gezeigt.

Studien zeigen, dass die Lernleistung unter Druck und mit negativen Reizen weitaus schlechter ist, als bei der Arbeit mit positiven Reizen. Dennoch kann man nicht gänzlich auf negative Reize verzichten. So drohen wir unseren Hunden des Öfteren mit negativen Reizen – auch, wenn wir uns dessen nicht immer bewusst sind. Ein einfaches Beispiel sollte dies verdeutlichen:

Ich habe meinen Hund auf seine Decke geschickt. Ohne von mir eine Freigabe bekommen zu haben, steht der Hund auf und verlässt seine Decke. Ich stehe auf, sage „Nein“ und gehe auf meinen Hund zu oder schaue ihn an. Allein dieser Blickkontakt und mein Aufstehen sind schon eine moderate Form von Bedrohung für den Hund. Diese Maßnahmen sind nötig, um den Hund korrekt zu führen.

Aber zurück zu unserem Problem mit Louie. In dieser Situation verzichten wir auf negative Reize, denn die beste Art, Louies Verhalten zu verändern, ist die positive Bestätigung, wenn er das von mir gewünschte Verhalten zeigt.

Louie zeigt ungewünschtes Verhalten -> positiver Reiz bleibt aus = Louie kommt nicht raus

Louie zeigt gewünschtes Verhalten -> positiver Reiz wird hinzugefügt = Louie kommt mit auf den Spaziergang

Dabei bedienen wir uns des sogenannten Shapings, also dem sukzessiven in Form bringen einer bestimmten Verhaltensweise. Jetzt wird es ein bisschen theoretisch:

Beim Shaping akzeptieren wir (zunächst) auch Verhaltensweisen, die noch nicht der Zielvorstellung, also dem gewünschten Verhalten, entsprechen. Nach und nach werden wir jedoch anspruchsvoller bzw. nähern sich die Kriterien, die für eine Belohnung ausreichen, dem gewünschten Zielverhalten an.

Übertragen auf unser Beispiel bedeutet das: Immer, wenn Louie zu aufgeregt ist, setze ich mich wieder hin oder warte, bis der Hund sich beruhigt hat. Anfangs kann ich mit kleinen Erfolgen zufrieden sein und jegliche Veränderung seines Verhaltens in die richtige Richtung belohnen. Das kann zum Beispiel das kurze Aussetzen des Jankens sein. Kann ich nach wenigen Tagen zufrieden sein, wenn der Hund schnell aufhört zu bellen und zu janken, belohne ich später nur noch, wenn Louie von Vornherein ruhig und entspannt bleibt.

Für mich gibt es jetzt keine Ausrede mehr, nicht auch selbst mit dem Training anzufangen. Langfristig wäre es für Louie nämlich keine Vorfreude mehr, sondern unnötiger Stress, den ich mit den vorgestellten Trainingstipps ab jetzt vermeiden kann. Außerdem freue ich mich schon jetzt auf einen entspannten Hund, wenn ich meine Pantoffel wieder gegen die Schuhe tausche.