Digitalisierung im Hundetraining

Wie die Digitalisierung das Hundetraining verändert – Chancen und Risiken

Die Welt wird immer digitaler und vernetzter – diese Entwicklung macht auch vor meinem Beruf keinen Halt. Schon länger gibt es diverse Angebote von Hundetrainern/innen und Hundeakademien im Netz, online zum Hundeexperten gecoacht zu werden. Doch die Wissensvermittlung via digitalem Frontalunterricht ist nur ein kleiner Aspekt der Möglichkeiten, die uns die Digitalisierung im Mensch-Hund Coaching zur Verfügung stellt. Richtig genutzt, könnte sich das Hundetraining langfristig stark verändern.

Als ich 2010 mein Studium der Wirtschaftswissenschaften in Paderborn begonnen habe, wurde dort gerade eingeführt, dass die Vorlesungen einzelner Module als Video-on-Demand (also ein abrufbares Video im Internet) hochgeladen wurden. Ich war ein großer Fan dieser Informationsmöglichkeit, denn mir fehlte damals oft die Motivation, 55 Kilometer zur Uni zu fahren, wenn die Alternative war, in Jogginghose und auf der Couch die Vorlesung zu hören. Einzig die Möglichkeit der Rückfragen hatte ich nicht, denn ich war nicht live dabei und hatte keine Möglichkeit, unmittelbar Fragen zu stellen. 

Digitaler Frontalunterricht – Live und als VOD

Neun Jahre später habe ich begonnen, zuerst auf Instagram, mittlerweile ebenfalls auf YouTube, ein ähnliches Verfahren der Informationsvermittlung anzubieten. Ich streame live, greife dabei meinen Computerbildschirm und meine Webcam ab und kann dadurch Videos und Fotos zeigen und dabei das zu sehende Verhalten der Hunde erklären und interpretieren. Anders als in meiner Uni sind die Zuschauer dabei live dabei und können Rückfragen stellen, auf die ich eingehen kann.

Ganz gleich, ob ich das System Livestream auf frei verfügbaren Plattformen wie YouTube oder Twitch benutze, oder als Webinar hinter einer Paywall verstecke, für mich als Hundetrainer ist in erster Linie die Chance, meinen Kundenkreis und meine Markenbekanntheit zu steigern. Im besten Fall lernen die Hundehalter mich dabei kennen, gewinnen einen Eindruck von meinem Wissen und meiner Persönlichkeit, merken, ob die Chemie stimmen könnte und ob sie meine Leistungen in Anspruch nehmen möchten. Durch Social Media ist die Zielgruppe dabei wesentlich größer als meine ursprüngliche Zielgruppe, die ich als klassischer Hundetrainer/Hundeschule vor Ort habe. Potentieller Kunde ist jeder deutschsprachige Hundebesitzer mit Internetanschluss.

Auf Instagram kann ich viele potentielle Kunden erreichen – diese profitieren von meinen Videoanalysen und können zu bestimmten Themen Fragen stellen.

Für den Hundehalter kann das große Angebot an Videos, Podcasts und Blogs ebenfalls enorme Vorteile bedeuten. Eigentlich gibt es kaum ein Thema, was noch nicht besprochen wurde, und man findet viele nützliche Denkanstöße und Tipps im Netz. Da jedes Mensch-Hund Team ein Unikat ist und jeder persönliche Bedürfnisse hat, sollte man das Angebot an konkreten Hilfestellungen jedoch kritisch betrachten. Ich persönlich arbeite im Alltag als Hundetrainer ausschließlich in Einzelstunden und im Alltag der Hundebesitzer, um möglichst realitätsnah zu beraten und mich individuell auf den Kunden einlassen zu können. So nutze ich die öffentlichen Videos als rein allgemeine Informationsplattform, die ohne konkrete Handlungsempfehlungen auskommt. 

Hundetraining sollte individuell gestaltet sein

Hier beginnt für mich der am kritisch zu betrachtendste Punkt der Digitalisierung im Hundetraining: Pauschale Handlungs- und Trainingsempfehlungen bzw. Videos, die zur Nachahmung motivieren. Hier müssen wir auch über TV Formate wie die von Martin Rütter, Maja Novak oder Cesar Millan sprechen. Diese laden Hundebesitzer/Zuschauer dazu ein, das im Video gesehene am eigenen Hund auszuprobieren. Ohne die nötige Einordnung durch einen Profi kann das zwar zum Erfolg führen, flächendeckend wird dieser jedoch ausbleiben und ggf. die Probleme verschlimmern. Nach dem großen Hype um Cesar Millan in Deutschland gab es unzählige Hundbesitzer, die mit Zischlauten vermeintlich ihren Hund korrigierten, eigentlich aber planlos und überfordert agierten.

Mit Videokorrespondenz zu einem effizienterem Training

Neben dem Einsatz digitaler Medien, die sich an eine breite Masse richten, können wir diese natürlich auch in der individuellen Beratung einsetzen. Für mich ist es zum Standard geworden, einen Großteil meiner Beratungen zu filmen. So kann ich dem Kunden gewisse Situationen direkt vor Ort nochmal am Bildschirm erklären und er kann seine eigenen Handlungen betrachten. Zu Hause kann ich mir die Videos in Ruhe nochmal anschauen und dem Kunden dann einen Zusammenschnitt mit Erklärungen zukommen lassen. 

Ich begleite viele meiner Stunden mit der Videokamera

Weiterhin biete ich meinen Kunden auch an, mir Videos zukommen zu lassen, die ich mir anschauen und interpretieren kann. Dies bietet enorme Vorteile in Bezug auf die Effizienz von Training.  Liegen zwischen zwei Terminen 14 Tage, birgt das die Gefahr, dass zwei Wochen falsch trainiert wird, sofern der Kunde vielleicht etwas falsch verstanden hat oder Unklarheiten vorhanden sind. Ohne Videokonsultation bleibt ein Telefonat, um über die Situation zu sprechen oder im schlimmsten Fall kann ich erst in zwei Wochen auf die Frage eingehen. Mit Videokonsultation kann ich umgehend auf die Situation reagieren, mögliche Unsicherheiten aus dem Weg räumen und in einem gemeinsamen Telefonat (während wir das Video vorliegen haben) genau das Verhalten von Hund und Halter erklären. So können wir falsches Training verhindern und Trainingserfolge schneller und sicherer generieren.

Als Hundetrainer kenne ich natürlich auch das Phänomen, dass der Hund sich in meiner Anwesenheit evtl. anders verhält als im Alltag der Hundebesitzer. Hunde lernen immer situativ, das heißt, sie nehmen alle vorhandenen Parameter mit ins Training auf. Der Hund merkt schnell, dass etwas anders ist, wenn der Trainer mit dabei ist. Da kann schon ausreichen, dass die Hundebesitzer selbstsicherer sind, weil sie wissen, dass ihnen in der Trainingssituation direkt geholfen wird. Dies ist ein Grund, wieso ich Trainingseinheiten an denselben Orten ablehne. Mithilfe der Videokonsultation kann ich mir dann ein Bild von diesen Situationen machen, ohne mit dabei zu sein. Dieser Aspekt ist für mich ein ganz zentraler und wird das Hundetraining in Zukunft noch weiter verändern. Technische Entwicklungen könnten eine Korrespondenz auf Entfernung künftig noch leichter machen was zu weiteren Effizienzsteigerungen im Training führen wird.

Fazit

Für mich gilt es, digitale Medien als Unterstützung einzusetzen – neben persönlichem Kontakt und individuell abgestimmter Trainingspläne – um zum bestmöglichen Erfolg für Hund und Halter zu kommen. Dabei hilft die Videokonsultation im individuellen Training und der Hundehalter kann seinen Nutzen zusätzlich aus dem breiten Angebot an Informationen im Internet ziehen. Gefahren bestehen vor allem in der unsachgemäßen Nachahmung konkreter Trainingsansätze ohne professionelle Begleitung. Als Trainer möchte ich die Möglichkeiten, die mir die Digitalisierung für meine Beratung bieten jedoch keineswegs missen und bin gespannt, wo die Reise zukünftig hingeht.

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