Auslastung, Auslastung, Auslastung!

Wie viel Auslastung braucht ein (Hüte-) Hund?

Der kleine Alexander geht mit seiner Mutter durch die Stadt. Er sieht eine Eisdiele und schreit sofort: „Mammaaaaaaaa ich will eine Eiiiis!“. Doch er bekommt keins. Keine 50 Meter später sieht er einen kleinen Spielplatz. „Mammaaaaaa, ich will rutschen“. Doch da keine Zeit war, konnte der kleine Alexander nicht rutschen. Dann also im Kaufhaus an den Elektrogeräten spielen. Doch Alexander brauchte neue Schuhe, und er war ganz enttäuscht, als er in Etage zwei des Kaufhauses die Rolltreppe verlassen musste, statt nach ganz oben zur neuesten Konsole zu fahren. Zwanzig Jahre später hat Alexander seinen damaligen Unmut über seine Mutter verloren. Er weiß genau, dass es sich nur so anfühlte, als wäre er das einzige Kind, welches keine Wünsche erfüllt bekam. Doch die Frustrationstoleranz, die sich bei ihm aufgebaut hatte, lässt ihn heute in vielen Situationen entspannt und locker bleiben.

Alexander? Kind? Spielkonsole? Ist das hier nicht ein Blog über Hunde? Ja, und zwar geht es heute um Hütehunde!

Hütehunde und ihr Drang nach Auslastung, oder ist der nimmer müde werdende Hütehund ein menschengemachtes Problem?

Gerade in der Zeit des Heranwachsen ist es wichtig, Ruhe und Frust kennenzulernen.

Zur Sprache kam das Thema auf einem Tagesseminar, als es um die Auswahl des richtigen Hundes ging. Hütehunde seien ja per se nicht im Hausstand zu halten, weil die Beschäftigung die sie benötigen, um zufrieden zu sein, kann ja niemand leisten. Dem stimme ich so nicht ganz zu. Natürlich ist die Haltung von spezialisierten Tieren als Haustiere diskussionswürdig. Doch nicht nur die bekannten Hütehunde wie Aussie oder Bordercollie sind hochspezialisiert. Im Grunde gibt es keinen Hund, der nicht eine Vergangenheit hat, in der er für eine bestimmte Aufgabe gezüchtet wurde. Einen reinen Begleithund, dessen biologischer Sinn es ist, den Menschen zu begleiten, gibt es so nicht. Auch, wenn wir Menschen den Hund heutzutage hauptsächlich in dieser Form halten, und so nicht selten dem Tiere nicht ganz gerecht werden.

Ein Hund bereitet sich in den ersten Wochen und frühen Monaten seines Lebens auf sein späteres Leben vor. Dass diese sensiblen Phasen wichtig für die Sozialisation und die Gewöhnung an Umweltreize wichtig ist, ist bei den meisten Hundebesitzern angekommen. Deshalb besuchen ja auch immer mehr Menschen schon früh im Hundeleben eine Hundeschule. Was noch nicht so verbreitet ist, ist die Tatsache, dass auch der Alltag, in den der Hund eintritt, wenn er bei seinen neuen Besitzern einzieht, schnell zur Gewohnheit wird. Ein Hund, der die ersten drei oder vier Wochen keine Minute alleine ist, weil Herrchen und Frauchen sich den Jahresurlaub für den Hund aufgespart haben, wird ganz schön Augen machen, wenn er Montag Morgen nach dem Urlaub auf einmal für vier, acht oder zehn Stunden alleine bleiben muss. Und so geht es auch dem (Hüte-)Hund, der schon früh an Auslastung gewöhnt wird. Für einen Welpen ist ein kurzer Spaziergang, ab und zu neue Orte, neue Umweltreize und Spielkameraden treffen spannend genug, als dass er sich damit auch zufrieden geben muss. Will er mehr, muss er lernen, dass es mehr nicht gibt. Fertig. Der Umgang mit Frust, mit Enttäuschung und Scheitern ist im Leben des Menschen wie im Leben des Hundes ein ganz wichtiger. Langeweile gehört ebenso in das Leben eines Vierbeiners.

Die Hormone, die der Körper ausschüttet, wenn der Hund mit Objekten oder Spiel beschäftigt wird, lassen das ganze lustvoll erscheinen und äußerst positiv abspeichern, sodass schnell eine Suchtgefahr vorhanden ist. Je mehr und eher ich den Hund damit konfrontiere, desto mehr wird er sich an das Pensum gewöhnen, seinen Körper und Geist trainieren und zusehends schwerer müde zu bekommen sein. Fertig ist der Balljunkie, der auf dem Spaziergang nur noch darauf wartet, endlich dem Filzball hinterher zu jagen.

Wir Hundebesitzer sollten darauf achten, dem Hund gerecht zu werden, ohne ihn dabei im Vorhinein in eine „der braucht ja Auslastung“ Position zu manövrieren. Denn der Hütehund ist (hier kommen wieder die Hormone ins Spiel) kaum dazu in der Lage, „nein“ zu sagen, wenn sich ein Bewegungsreiz von ihm entfernt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.