Vom ängstlichen Rottweiler Welpen zur Gefahr

Die Geschichte eines Rottweilers

Seit kurzem habe ich einen 19 Monate alten, 55 Kilogramm schweren, kastrierten Rottweiler im Training. Er greift ungehemmt Menschen und Hunde an, was ihn zu einer echten Gefahr macht.

Die Frage, die ich mir bei so schweren Fällen immer wieder stelle, ist: “Wie konnte es so kommen? Welche Einflüsse, Entscheidungen führen dazu, dass sich ein Hund so entwickelt?” Dabei ist die erste Erkenntnis meist, dass eine solche Entwicklung nicht an einem einzigen Faktor festgemacht werden kann. Zumeist ist es ein Zusammenspiel aus mehreren ungünstigen Entscheidungen, die einen negativen Verlauf begünstigt.

Der Rottweiler kommt aus dem Ausland. Die Besitzer des Rottweilers haben diesen speziellen Züchter ausgesucht, weil seine Tiere etwas kürzere Schnauzen haben als andere Rottweiler. Dies war aus rein ästhetischen Gründen für die Besitzer ausschlaggebend. Schon die Aufzucht des Welpen war alles andere als ideal: Ländlich gelegen, ist der Hund 12 Wochen lang nur drinnen, in einem Raum gehalten worden. So konnte er keinerlei Umweltreize kennenlernen. Mit 12 Wochen ist er dann nach Deutschland gekommen.

In Deutschland angekommen ging es für den Kleinen direkt in die Welpengruppe. Weil er aber groß und stürmisch war, wurde er hier nicht lange geduldet. Um trotzdem bei der Erziehung des Hundes Unterstützung zu erhalten, suchten sich die Besitzer eine Hundetrainerin. Der Rottweiler wurde mir als ängstlicher Welpe beschrieben, der deutlich zurückwich, wenn fremde Menschen auf ihn zugingen, um bei seinen Besitzern Schutz zu suchen. Wer schonmal einen Welpen hatte, der weiß, wie häufig man auf der Straße angequatscht wird, und wie häufig fremde Menschen versuchen, den Hund zu Streicheln. Da unser Rottweiler in seiner Kinderstube solche Situationen nicht kennenlernte, reagierte er ängstlich. Die engagierte Trainerin riet dem Paar, den Hund mit diesem Stress zu konfrontieren und zur Seite zu treten, sobald der Welpe Schutz bei ihnen suche. So sollte der Hund lernen, schwierige Situationen “einfach” auszuhalten.  Er war also auf sich allein gestellt. Hier ist meiner Einschätzung nach eine einschneidende Entscheidung getroffen worden, die das heutige Verhalten des Hundes begünstigt hat: . Der Hund lernt durch das Ausweichen der Besitzer, dass sein Schutzgesuch ignoriert wird und er bei seinen Menschen vergeblich um Hilfe sucht. Dem Hund bleiben zwei Möglichkeiten. Die Flucht, oder die Flucht nach vorne. Da der Hund stets angeleint war, konnte er der für ihn unangenehmen Situation nicht entkommen. Lösung eins war also keine Option. So blieb dem Hund als einziger Ausweg nur die Flucht nach vorne. 

Wenn ein Hund für ein Problem eine Lösung findet, indem er eine bestimmte Handlungsweise zeigt, steigt die Bereitschaft, dieses Verhalten in einer ähnlichen Situation wieder zu zeigen. Der Rottweiler hat hier gelernt, dass die Menschen ihn in Ruhe lassen, wenn er aggressiv auftritt und an der Leine pöbelt.

Zu der bisher beschriebenen Kernproblematik kommen noch einige Fehler hinzu, die ebenfalls unwissentlich, im Laufe der letzten Monate gemacht worden sind. Zum einen ist hier die Kastration des Hundes zu nennen. Einem Rüden, der gestresst ist, das Hormon Testosteron wegzunehmen, welches stresshemmend wirkt und Selbstbewusstsein gibt, ist immer kontraproduktiv. Zum Anderen wurde der Hund massiv auf Objektspiele getrimmt, was in Kombination mit seiner extrem reizarmen Aufzucht eine Impulskontrollstörung begünstigt. Das bedeutet, dass der Hund in gewissen, besonders stressenden Situationen, seine Entscheidungen nicht mehr bewusst treffen kann, sondern, sozusagen reflexartig angreift. Wer sich für dieses Thema interessiert, kann sich diesen Artikel hier mal durchlesen, der sehr aufschlussreich ist. (https://canisindipendicus.blog/2017/10/01/von-impulskontrollstoerungen-zum-unerwuenschten-verhalten-des-hundes/)

Zuletzt ist die falsche Erziehung des Hundes zu nennen, die, abseits des dominierenden Problems mit fremden Hunden und Menschen, auffällig ist. Die Beziehung zwischen Mensch und Hund ist hier aus den Fugen geraten. Es besteht zwar eine Enge Bindung zwischen Mensch und Hund, doch der Hund vertraut dem Menschen nicht mehr, was dazu führt, dass er auch seine Anweisungen in Stresssituationen ignoriert. Dies ist durchaus problematisch, denn der Hund sollte grundsätzlich dazu bereit sein, die Grenzen und Regeln des Menschen zu akzeptieren. 

Zusammenfassend kann man sagen, dass der Hund schon im Welpenalter keine optimalen Startvoraussetzungen für ein entspanntes und harmonisches Leben hatte. Es ist quasi alles schief gelaufen, was schief laufen kann. 

Was soll man den Haltern in so einer Situation nun raten? Dasselbe, was ein Tierarzt den beiden bereits nahe gelegt hat? “Der Hund muss eingeschläfert werden!“ Grundsätzlich kann ich die Bereitschaft einiger Menschen, so einen Hund einzuschläfern, verstehen. Werden seine Probleme nicht sach- und fachgerecht angegangen, bleibt der Hund eine Gefahr für Mensch und Tier. Der Rottweiler ist jedoch noch jung und seine Menschen sind top motiviert, dem Tier zu helfen. Insbesondere die Tatsache, dass der Hund sich (langsam) an fremde Reize gewöhnt und diese problemfrei akzeptiert, stimmt mich zuversichtlich. Die Komplexität des Falls zieht zwar eine langwierige Problembehandlung nach sich – den Hund in richtige Bahnen zu lenken, ist allerdings nicht aussichtslos!

Für mich am wichtigsten dabei ist, dass die Halter ihren eigenen Hund verstehen, besser lesen können. Denn wenn dieses Grundverständnis für das Ausdrucks- und Lernverhalten schon früher vorhanden gewesen wäre, hätten die Halter beispielsweise vielleicht auch eher erkannt, dass ein bewusstes Zurückweichen im Welpenalter kontraproduktiv für das Verhalten des eignen Hundes war. Die Schulung der Halter hat hier also oberste Priorität.

Danach können wir anfangen, auch mit dem Hund zu arbeiten. In einem ersten Schritt setzte ich bei der Grunderziehung des Hundes an, denn schon hier zeigen sich gravierende Probleme. Kann der Hund die einfachsten Anweisungen nicht umsetzen oder annehmen, kann ich auch keine weiteren Probleme behandeln.

Nachdem dann in reizarmen Situationen leichte Gehorsamsübungen möglich sind, wollen wir versuchen, den Hund an Mensch und Hund zu gewöhnen. Wichtig dabei ist, dass wir behutsam vorgehen, und den Hund nicht überfordern. Die Konfrontation mit stressauslösenden Reizen (in diesem Fall: fremde Menschen und Hunde) ist unausweichlich, es gilt allerdings, dem Stress in kleinen Dosen und moderater Intensität zu begegnen. Dabei wird der Hund im eingezäunten Gelände frei laufen dürfen, und einzelnen, souveränen Hunden, begegnen. Er soll lernen, dass Hunde durchaus auch Positives bedeuten können. Die Besitzer sind dann dafür da, die Spielregeln für den Rottweiler im Umgang mit anderen Hunden durchzusetzen. Der Hund muss schließlich lernen, was er darf, und was nicht.

Nachdem der Hund einige kontrollierte Hundebegegnungen im eingezäunten Gelände hatte, gilt es, die gemachten Erfahrungen auch auf die echte Welt zu übertragen. Das heißt, wir werden an unterschiedlichen Orten Hundebegegnungen forcieren. 

Das alles ist ein langer Weg, der durchaus von Rückschlägen begleitet sein kann. Es ist einerseits traurig, dass so viele ungünstige Entscheidungen das Leben dieses Rottweilers in die heutige Richtung gelenkt haben. Andererseits bin ich froh, wenn Hundebesitzer in diesem Fall zu ihren Tieren stehen, sich der Verantwortung stellen, und bereit sind, alles zu tun, um ihrem Tier zu helfen. Diese Entscheidung verdient großen Respekt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.