Auslandstierschutz

Das Geschäft mit der Kastration

Viele Hunde werden heutzutage kastriert. Zu früh, ohne triftigen Grund oder oftmals aus falschen Gründen. Das Geschäft mit der Kastration läuft gut – für die Tierärzte. Der sogenannte Tierschutz aus dem Ausland fördert ein positives Bild der Kastration.

In diesem Alter sind viele Tierschutzhunde schon kastriert - Leider!
In diesem Alter sind viele Tierschutzhunde schon kastriert – Leider!

Zuallererst möchte ich klarstellen: Ja, es gibt Hunde, bei denen eine Kastration angebracht ist, oder sogar nötig ist. Genauso falsch wie die pauschale Kastration ist auch eine pauschale Verurteilung dieser. Übermäßiger Stress, Krankheiten oder falsches Verhalten, welches – und das möchte ich hier ausdrücklich betonen – wirklich mit den Sexualhormonen zu tun hat, können zu der Notwendigkeit einer Kastration führen.

Doch was wir in diesen Tagen erleben, ist durch nichts zu rechtfertigen. Heute liegt es im Trend, zu adoptieren statt zu kaufen. Der Slogan, den sich viele Tierschützer auf die Fahnen geschrieben haben, meint: Adoptiere lieber einen hilfebedürftigen Hund aus einem Tierheim, gerne aus dem Ausland, anstatt einen Hund vom Züchter oder Vermehrer zu kaufen. So weit so gut. Auch ich habe meinen ersten Hund aus dem Tierheim geholt. Auch Balou ist kastriert, auch bei ihm war es nicht nötig, viel mehr war es sogar kontraproduktiv.

Damals hatte ich keine Ahnung von Hunden, ich war überfordert mit meinem aggressiven “Monster” und hörte natürlich auf die “Verhaltensberaterin”, und die Tierärzte, die mich vermeintlich aufklärten über die Folgen der Kastration. Die Worte Stress, Hormone oder Testosteron, die Worte hormoneller Gegenspieler, Unsicherheit oder “zu früh” wurden natürlich nicht in den Mund genommen.

Als ich ein Jahr Später mitten in meiner Ausbildung zum Verhaltensberater war, saß ich in einem Seminar der großartigen Sophie Strodtbeck, während mir nach und nach der Kamm schwoll, bzw. ich einfach nur traurig war, was ich meinem Hund angetan hatte, welche Chancen ich ihm genommen habe, und wie verantwortungslos ich mit dem Thema umgegangen bin. Schlussendlich bin ich zu dem Ergebnis gekommen: Klar, ich hätte mehr recherchieren können, aber wenn man von mehreren vermeintlichen Profis hört, das muss so, dann macht man das auch so.

Was war passiert? Balou ist mit vier Wochen ins Tierheim in Bottrop gekommen. Er wurde ohne Mutter, mit allen Geschwistern abgegeben und war bis zu seiner Adoption durch mich, viereinhalb Monate in isolierter Aufzucht. Kein Kontakt zu Artgenossen (außer den Geschwistern), nur spärlichen Kontakt zu Menschen. Dass er ein unsicherer Bursch wurde, keine Frage. Gepaart mit meiner Inkompetenz mit Hunden wurde er schnell ein überforderter Hund, dem die Welt um sich herum zu viel wird. Dass er die Aggression als Ausweg für leidige Begegnungen mit Menschen und Hunden wählte, doof, gefährlich, anstrengend, nicht nur für mich, sondern auch für meine Frau, unsere Familien und Freunde.

Heute weiß ich, dass man einen unsicheren Rüden eher gar nicht kastrieren sollte, dass der Hund nicht mit 13 Monaten kastriert werden sollte, dass man den Chip der Kastration vorziehen sollte, um eine reversible Möglichkeit zu haben, die Wirkung auszuprobieren. Dass die Beziehung zwischen mir und Balou nicht die richtige war, ich zu unsicher war, unwissend und sicher nicht das, was man als sicheren Hafen in der unruhigen See (Achtung Metapher) bezeichnen würde. Dankbar bin ich dennoch, fand ich doch durch mangelnde Hilfe der Trainer schlussendlich zu meinem Traumberuf.

Ein paar Jahre später: Es ist März, 2016. Ein Anruf einer bis dahin unbekannten Frau. Sie habe einen Hund, mit 10 Monaten eingezogen, jetzt ca. 2 Wochen bei ihr. Es handelt sich um einen Rüden. Er kam aus Bulgarien oder Rumänien, von einer Tierschutzorganisation aus der Nähe von Koblenz. Meine Hilfe wird erbeten. Der Hund ist “verstört”, kommt nicht aus seiner Ecke heraus, frisst nicht, löst sich nicht. Wenn er allein ist, zerstört er die Einrichtung. Wenn er nicht allein ist, flüchtet er sich dennoch vor den Menschen. Bevor ich anfange zu erzählen rate ich der Frau, dass, egal was die Tierschutzorganisation erzähle, der Hund bitte NICHT kastriert werden soll. DOCH: “Er ist schon kastriert”… Wie bitte? Mit nichtmal 10 Monaten kastriert? Och menno, die Welt macht keinen Spaß.

Also ein bisschen recherchiert. Wie viele Tierschutzorganisationen unterstützt auch diese großflächige Kastrationsaktionen im Osten von Europa. Hund einfangen, Kastrieren, freilassen oder ins Shelter mit dem Hund. Die Argumentation: Wir müssen LEID VERHINDERN. Wie gerne würde ich jedem erklären, dass Leid verhindern auch bedeutet, den unsicheren Hunden nicht das letzte bisschen Selbstbewusstsein zu rauben. Dass dies kein Tierschutz, eher Tierquälerei ist. Auf die Frühkastration angesprochen, sagte die 1. Vorsitzende des Vereins: “Na, jeder soll von der Frühkastration halten was er will”… Das darf man gerne als positive Sicht über die Frühkastration sehen, denn meine Meinung war natürlich sehr konträr.

Also verständigte ich das zuständige Veterinäramt. Die Dame dort sagte natürlich “jaaaaaa also mit den Kastrationen ist das immer so eine Sache, da muss man eine Einzelfallprüfung vornehmen.” Angesprochen auf die Gesetzestexte, dass die Amputation von Körperteilen und Organen verboten ist, wenn es nicht einen vernünftigen Grund gäbe, und dass die Frühkastration, wenn nicht medizinisch indiziert, sicher immer ohne vernünftigen Grund geschieht, sagte die Dame: “Ja danke für den Hinweiß, wir werden das mal prüfen”. So das war es. Ich bin gespannt, wie die “Prüfung” dort aussieht. Erfahrungsgemäß passiert da erstmal nichts. Auf der Homepage der Tierschutzorganisation prangert überings ein großes Banner “Geprüfte Organisation nach §11 TschG”… Sachkundig also. Na, wenn diese Dame Sachkundig ist, dann handelt es sich hier wohl eher um vorsätzliche Tierquälerei.

Auch in Deutschland werden ständig Hunde kastriert. Rüden, die anfangen rumzupöbeln, oder Hündinnen die bluten. Ja das ist natürlich auch lästig. Immer dieses Wischen. Naja, man könnte sagen, dass man sich evtl. vor der Anschaffung eines Vierbeiners mit den Folgen beschäftigen könnte. Aber das wäre vermutlich zu viel verlangt. Die leichte “Depression”, die scheinbar alle Hündinnen haben, die läufig werden, sollte man, gerade als Frau, evtl. nachvollziehen können. Vielleicht überlegen Sie nochmal, wie Sie sich bei Ihrer ersten Regelblutung gefühlt haben. Da haben Sie aber Glück gehabt, dass Ihre Mutter Ihnen nicht direkt die dafür verantwortlichen Organe entnommen hat!

Bitte, Bitte, Bitte: Informieren Sie sich vernünftig über die Folgen der Kastration. Glauben Sie nicht jedem Tierarzt der sagt: Der Hund wird dann ruhiger. Lesen Sie über Hormone, über Zusammenhänge der biologischen Abläufe im Körper und lassen Sie Ihr Problem mit dem Hund fachgerecht analysieren. Selten hat es wirklich mit den Sexualhormonen zu tun. Wirklich selten.

Die Tierärzte machen aus einer unkomplizierten OP viel Geld. Leider hinterfragen viele Menschen den KFZ Meister deutlich mehr, als den Arzt.

Ach: Tierschutzverein sein und Grillwürstchen aus Massentierhaltung vereinbaren sich ungefähr genauso gut Mit Tierschutz, wie die pauschale- und Frühkastration. Amen

3 Gedanken zu „Das Geschäft mit der Kastration

  1. Dem Artikel möchte ich mich inhaltlich anschließen. Ergänzend möchte ich darauf hinweisen, dass der Hund auf dem Foto zum Glück nicht kastriert ist und definitv auch NICHT kastriert wird!

  2. Ich finde es grundsätzlich falsch und verwerflich zu pauschalisieren!!
    Eine Kastration ist keine unkomplizierte OP!! Es ist ein Eingriff in den Hormonhaushalt eines Lebewesen und sollte daher nich pauschal durchgeführt werden, wie es so manche ‘Tierschützer/Tierheime’ gerne hätten!
    Sprechen Sie mit Ihrem Tierarzt oder auch mit mehreren anderen Tierärzten und lassen Sie sich beraten, ob es Sinn macht oder Unsinn ist. Die Entscheidung sollten Sie dann fällen, nicht andere.
    Tierarzt Dr. Holger Heymann

  3. Hallo Alex, das Thema Kastration sehe ich ja auch kritisch, von daher sehr guter Artikel. Doch stellt sich mir eine andere Frage. Du schreibst: Damals hatte ich keine Ahnung von Hunden, ich war überfordert mit meinem aggressiven “Monster”…. Als ich ein Jahr Später mitten in meiner Ausbildung zum Verhaltensberater war….. Ich frage mich wann du die Hundetrainer Ausbildung gemacht hast, um dann danach die Zusatzausbildung zur Verhaltensberatung zu absolvieren. ;-)

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