AuslandstierschutzGesundheit

Positionspapier zur Kastration

Kastration bei Hunden, insbesondere Tierschutzhunden im Ausland – Ein Positionspapier

Dieses Schreiben dient als Aufklärungs­ und Empfehlungsschreiben für den deutschen Tierschutz, den Auslandstierschutz und alle Hundebesitzer, die sich mit dem Thema Kastration beschäftigen wollen oder müssen.

Im Tierschutz ist es üblich, Hunde zu kastrieren. Dabei müssen wir zuerst klarstellen, was unter der Kastration zu verstehen ist. Anders als in einigen Quellen nachzulesen, ist zwischen Kastration und Sterilisierung zu differenzieren, und das sowohl beim Rüden als auch bei der Hündin.

Die Kastration beim Rüden ist die Entfernung der Hoden aus dem Hodensack. Anders als bei der Sterilisierung, bei der nur die Samenleiter durchtrennt werden, fällt bei der Kastration die Produktion der Hormone der Hoden weg.
Bei den Weibchen ist zwischen der Teil­ und der Vollkastration zu unterscheiden. Bei der „normalen“ Kastration werden nur die Eierstöcke entfernt, bei der Vollkastration kommt es zur Entfernung der Eierstöcke und der Gebärmutter. Die Sterilisierung bei Weibchen ist das Durchtrennen der Eileiter, sodass auch hier die Produktion der weiblichen Geschlechtshormone weiterhin aktiv ist.

Gründe für die Kastration

Die Bielefelder Kastrationsstudie aus dem Jahr 2007 (Niepel) hat gezeigt, dass viele Hundehalter ihren Rüden aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten kastrieren lassen. Doch ist nur ein kleiner Bruchteil von Verhaltensauffälligkeiten auf die männlichen Geschlechtshormone zurückzuführen und eine Kastration ersetzt erst recht nicht eine professionell unterstützte Verhaltensberatung oder Verhaltenstherapie.

Bei den Hündinnen sind die häufigsten Gründe für eine Kastration entweder die Sorge um Gesäugetumore oder sogenannte Haltergründe, also die „Last“ der läufigen Hündin, die der Mensch auf sich nehmen muss.

Im Tierschutz wird die Kastration häufig als einzige Lösung für das sogenannte Streunerproblem bezeichnet. Gerade in Osteuropa ist dies ein großes Problem und Hunde werden dort von den Straßen weggefangen und getötet. Um dieses Leid zu verhindern und eine Dezimierung der Straßenhundpopulation zu erzielen, wird die Kastration dort eingesetzt.

Rechtmäßigkeit der Kastration

Liegen keine gesundheitlichen Beschwerden vor, dann ist die Kastration Tierschutzwidrig. Laut §8 TschG dürfen Tieren Organe nur dann ganz oder teilweise entnommen werden, wenn dies tierärztlich indiziert ist.
Ob eine Kastration zur Verhinderung des Auftretens von Gesäugetumoren prophylaktisch durchgeführt werden darf, ist zumindest zweifelhaft, jedoch nicht genau festgelegt. Die Häufigkeit der Gesäugetumore bei Hüdinnen (1 ­ 2 % bei jungen Hündinnen, ca 10% bei Hündinnen über 8 Jahre) liegt jedoch unter der der Blinddarmentzündung des Menschen. Auch hier wird nicht die prophylaktische Entfernung dieses durchgeführt. Weiterhin geht die Kastration bei der Hündin mit Erhöhten Risiken für andere Tumore einher.

Ferner sind alle Kastrationen, welche aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten oder pauschal durchgeführt werden, wenn nicht vorher eingehende und umfangreiche Beratung durch Sachkundige erfolgt ist, tierschutzwidrig. Wünschenswert wäre es hier, wenn die Beratung nicht nur durch spezialisierte Tierärzte, sondern auch durch fähige Hundetrainer erfolgen würde, um aufgrund von umfassender Information im Einzelfall die passende Entscheidung treffen zu können.

Folgen der Kastration

Die Folgen der Kastration sind weitreichend und teilweise folgenschwer. So leiden mehr Kastraten an Inkontinenz, schlaffem Bindegewebe, orthopädischen Krankheiten, Anfälligkeit für Stress und auch indirekte Folgen wie eine zunehmende Isolation von Mensch und Hund aufgrund von aggressivem Verhalten sollte nicht ungenannt bleiben.

Frühkastrationen sollten vermieden werden
Frühkastrationen sollten vermieden werden

Besonders komplex sind die Folgen der pauschalen Frühkastration. Unter Frühkastration fallen alle Eingriffe, die vor dem Erwachsenwerden der Hunde durchgeführt werden (je nach Rasse bis zum vollendeten 4. Lebensjahr), insbesondere jedoch Eingriffe, die bereits vor der ersten Läufigkeit bzw. bei Rüden vor dem Zeitpunkt der ersten Läufigkeit einer Hündin der gleichen Rasse, durchgeführt werden. Die Frühkastration wirkt sich massiv auf die psychische und die physische Entwicklung des Hundes aus. So sind die körperlichen Folgen unter anderem nicht vollständig ausgebildete Knochen, ein nicht vollständig ausgebildetes Herz und ein schwächeres Immunsystem.

Langzeitstudien beweisen, dass bei einer (frühen) Kastration das Krebsrisiko für Hündinnen messbar steigt (z.B. Golden Retriever von ca 3 % auf ca 9 ­ 12 %), was das Argument, der Hund würde durch die Kastration vor Tumoren bewahrt, entkräftigt. Weiterhin steigt das Krebsrisiko aber auch noch bei einer Kastration auch im hohen Alter (in der Studie bis 8 Jahre).

Psychische Folgen sind vor allem die mangelnde Entwicklung und ein fehlendes „Erwachsenwerden“ der Hunde. Strodtbeck und Gansloßer beschreiben die fehlende Entwicklung im Gehirn als eine ausbleibende Umstellung des Gehirns von eher emotional gefärbten Entscheidungen hin zu eher rationalen Entscheidungen.

Folgen der Kastration für das Hormonsystem

Straßenhunde sind in der Regel gut auf Artgenossen sozialisiert. Zu einer umfassenden Sozialisierung gehört allerdings weitaus mehr. Durch eine reizarme Aufzucht in Sheltern vor Ort oder/oder durch die mangelnde Gewöhnung an Großstädte, Menschennähe und sonstige Umweltreize kommt es bei den Hunden meist zu einer Stressreaktion, wenn diese in Familien oder zu Menschen in Deutschland vermittelt werden. Der Körper reagiert mit dem passiven Stress­ und Kontrollverlustsystem, vor allem mit dem Hormon Cortisol.

Care die Hundeschule in Bielefeld, unsicherer Hund

Ein erhöhter Cortisolspiegel hat weitreichende Folgen für die Hunde: Lern­ und Konzentrationsschwäche, Angst, Depressionen, ein stark erhöhter Stoffwechsel mit Untergewicht, Selbstschutzaggression bis hin zur sogenannten erlernten Hilflosigkeit können mit dauerhaftem Stress einhergehen. Testosteron z.B. ist ein hormoneller Gegenspieler von Cortisol und hemmt es in Ausschüttung und Wirkung. Einen unsicheren Rüden, der im Ausland aufgewachsen ist und dann hier vermittelt werden soll zu kastrieren, scheint also fast immer kontraproduktiv. Bei Hündinnen kann die Kastration bei echter Angstaggression positive Wirkungen erzielen, weil der verhältnismäßig höhere Testosteronspiegel dann für ein gesteigertes Selbstbewusstsein sorgen kann. Wichtig ist die Anmerkung, dass gelernte Aggression durch Erfolg, das heißt, dass der Hund durch aggressives Verhalten eine Situation erfolgreich beenden konnte, nicht durch die Kastration beeinflussbar ist, denn hier spielen Lernschleifen im Gehirn eine Rolle, die nichts mit dem Testosteron zu tun haben. Weiterhin kommt es häufig zu einer gewissen Attraktivität von männlichen Kastraten für intakte Rüden, was zu einem Konfliktpotential und Stress für Hund und Halter führen kann.

Die bessere Lösung: Sterilisation

Bei der Sterilisation wird, wie oben beschrieben, den Hunden die Möglichkeit zur Fortpflanzung genommen. Da dies der eigentliche Grund für das Kastrieren im Tierschutz ist, sollte in Hinblick auf das intaktbleibende Hormonsystem bei der Sterilisation, diese der Kastration, bei der das Hormonsystem nicht intakt bleibt, vorgezogen werden. Dies gilt insbesondere für Hunde, die zur späteren Vermittlung eingefangen werden.

Zusammenfassung:

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die pauschale Kastration Tierschutzwidrig ist. Insbesondere die Frühkastration ist zu verhindern und sollte, von medizinischen Notfällen abgesehen, nicht durchgeführt werden. Unsichere Rüden zu kastrieren ist immer kontraproduktiv. Wenn es um die reine Verhinderung der unkontrollierten Fortpflanzung geht, dann sollte die Sterilisation der Kastration vorgezogen werden, um das Hormonsytem der Hunde nicht nachhaltig zu stören.

Zur Vertiefung:

Kastration und Verhalten beim Hund – Strodtbeck und Gansloßer, Amazon ref-Link

Kastration beim Hund – Niepel, Amazon ref-Link

Ein Gedanke zu „Positionspapier zur Kastration

  1. Hallo Alex, gut geschrieben. Auch wichtig, wenn es ein fester Bestandteil in der Hundeschule wäre, der grundsätzlich mitgeteilt werden sollte. In deinem Beitrag (schreibt Gansloßer in seinem Buch)- Bei Hündinnen kann die Kastration bei echter Angstaggression positive Wirkungen erzielen, weil der verhältnismäßig höhere Testosteronspiegel dann für ein gesteigertes Selbstbewusstsein sorgen kann. Das ist richtig und sollte auch erwähnt sein, doch ist das eher der seltene Fall. Von daher wirklich mit Vorsicht zu betrachten. Denn die wenigsten können eine echte Angstagression von unsicheren und erlernten Agressiven Verhalten gegenüber Artgenossen unterscheiden. Da Verhaltensauslösende Hormone nicht ausschließlich im Sexualorgan produziert werden, sondern Hormone in den Nebennieren und im Zwischenhirn produziert werden, sind somit auch im gesamten Blutkreislauf vorhanden. Erhöhter Cortisolspiegel führt vermehrt zu Angst und Depression und von daher auch häufig bei unsicheren Hunden (Mehrzahl) zu Aggression Verhalten gegenüber Artgenossen. Dr. Gabriele Niepel † hat damals in ihrer Bielefelder Kastrationsstudie und auch in ihrem Buch darüber geschrieben, sicherlich ist man Heute 8 Jahre später schon wieder weiter, was die Forschung in der Richtung angeht. Doch gerade das Problem, habe ich mit Gaby ausführlich besprochen/diskutiert. Es sind eher die einzelnen Hündinnen, die eine “echte” Angstagression haben. Ich hoffe das es Grundsätzlich noch mehr Aufklärung in die Richtung Kastration beim Hund gibt. Vielleicht per Gesetz…..

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