Hund resozialisieren? Eine Einschätzung

Kann man unsoziale Hunde resozialisieren?

Viele Hundetrainer rühmen sich damit, aggressive Hunde wieder zu resozialisieren. Doch was bedeutet eigentlich aggressiv, was bedeutet soziales Verhalten im Hundereich, und kann man unsoziale Hunde überhaupt vollends resozialisieren? Ich versuche mal, einen Überblick zu geben.

Das Wort „Sozial“ findet seinen Ursprung in der lateinischen Sprache. Nun habe ich mein Latinum nicht mehr gemacht, weil ich nach 4 Jahren genug hatte, und mich nicht ein weiteres Jahr quälen wollte. So helfe ich mir heute mit den im Internet verfügbaren Definitionen und finde Bedeutungen wie „gesellig“, „gesellschaftlich“ und Synonyme wie „gemeinnützig“, „karitativ“ und „hilfsbereit“ sein. Ich benutze in meinen Stunden und Vorträgen ebenfalls gerne die Übersetzung „gesellschaftsfähig sein“.

Was bedeutet sozial, also gesellschaftsfähig, heute?

Die Gesellschaft, das sind alle Menschen und auch die Haustiere der Menschen. Die Ansprüche an unsere Hunde hat sich (in Deutschland bzw. der industrialisierten Welt) in den letzten Jahren (Jahrzehnten, Jahrhunderten) deutlich gewandelt. Echte Wachhunde, Jagdhunde, Aufpasser oder Personenschützer sind heute kaum noch gefragt. Gefühlt ist jedes Bellen des Hundes unerwünscht. Ist ein Hund nicht zu jedem anderen Hund überfreundlich, wird er als unsozial und unerzogen abgestempelt. Das bekomme ich mit Balou jeden Tag durch die Blicke eines manchen Hundehalters oder Menschen mitgeteilt. Der Wunsch nach einem ständigen Begleiter, der in jeder Situation brav und ruhig ist, ist größer denn je. Dieses Idealbild scheint sich stetig von dem echten hundlichen Verhalten zu entfernen.

Die Hunde in diesem Bild lassen nach dem heftigen Protest des blonden Hundes ab. Hier war ein Eingreifen des Menschen nicht nötig.

Der Hund ist heute überwiegend Sozialpartner und kaum noch Arbeitstier. Das ist erst einmal auch gar nicht schlimm. Doch wir dürfen die Natur des Hundes trotz aller widernatürlicher Domestikation nicht aus den Augen verlieren. Bellen, Knurren, Beißen. Eigentlich alles ganz normal.

Jeder Hund ist aggressiv – aus gutem Grund

Alle Hunde kommunizieren aggressiv. Und die Evolution hat sich etwas bei dieser Kommunikationsform gedacht. Gut sozialisierte Hunde tragen Konflikte bis zu einer bestimmten Intensität stets unblutig aus. Zu groß wäre die Gefahr, bei einer Verletzungsintention des eigenen Angriffes selbst verletzt zu werden. Früher – im langen Zeitraum der Entwicklung der hundlichen Kommunikation – gab es keine Tierärzte und -Kliniken, welche die Wunden der Hunde versorgt hätten.

Schnell wird aus einer unsauberen Wunde eine Infektion und ein echter Nachteil im täglichen Kampf um Fortpflanzung und Überleben. Zur aggressiven Kommunikation zählen hier eben auch das Fixieren, Knurren oder das Bellen. Aussagen wie „der ist aggressiv“ sind per se also eher unzutreffend, möchte ich das Verhalten eines Hundes gegenüber das eines anderen abgrenzen. Besser wären aussagen wie: „Der Hund reagiert aber unangemessen“ oder „Die Intensität, mit welcher der Hund hier agiert, ist nicht verhältnismäßig“. Diese Sätze spiegeln die Intention der meisten Menschen, die das Wort „aggressiv“ benutzen vermutlich deutlich besser wieder.

Wann ist ein Hund also unsozial und muss reoszialisiert werden?

Für mich sind Hunde dann unsozial, wenn sie nicht verhältnismäßig reagieren. Verhältnismäßigkeit ist natürlich eine etwas subjektive Kennzahl, die immer situativ zu bewerten ist. Man erkennt schnell, dass man hier, wie so oft, nicht pauschalisieren kann, sondern es sich stets um eine Einzelfallentscheidung handelt. Ein Beispiel: Als Balou vor einigen Jahren noch fremde Menschen angegriffen hat, weil er Angst vor ihnen hatte, war das sicherlich nicht verhältnismäßig. Bellt er heute fremde Menschen an, weil er Angst vor ihnen hat, ist es das sehr wohl. Das Bellen gehört in den Verhaltensapparat der Hunde und sollte bei der Arbeit mit Hunden niemals unterdrückt werden.

Wie funktioniert Resozialisierung?

Resozialisierung bedeutet, den Hund „wieder („re“) gesellschaftsfähig machen“. In der Hundewelt wird dies meist auf sogenannte Problemhunde oder als „übersteigert aggressiv“ geltende Hunde beschränkt. Doch im Grunde genommen sind auch unkontrolliert jagende Hunde oder vor Angst panisch flüchtende Hunde nicht gesellschaftsfähig. Denn: In diesen Situationen entwickeln die Hunde einen echten Tunnelblick, und nicht selten finden sich die Vierbeiner auf der ein oder anderen Straße wieder, wo natürlich schnell Unfälle mit Tier- Blech oder Personenschaden auftreten können.

Aber auch ich möchte mich überwiegend auf die „aggressiven Problemfälle“ konzentrieren, zumindest im Rahmen dieses Beitrages hier. In Behörden werden auffällige Hunde oft als „übersteigert aggressiv“ bezeichnet. Das erste Problem, auf das wir treffen, ist auch hier ein Definitionsproblem. Nirgends ist festgehalten oder definiert, „wie“ aggressiv ein Hund sein darf. Wie viel Bellen und Beißen ist „normal“, was ist „übersteigert“? Keine Ahnung. Ich sagte bereits, dass es aus meiner Sicht immer eine Einzelfallbetrachtung der Situation ist.

Gehen wir davon aus, dass ein Hund andere Hunde oder Menschen angreift. Dies ist aus meiner Erfahrung das häufigste „Problemverhalten“ von Hunden, bzw. Hund-Mensch Teams, die sich an einen Hundetrainer wenden. Meist sind es eher harmlose Pöbeleien an der Leine, die maximal die Intensität von Scheinangriffen erreichen. Doch in seltenen Fällen drehen die Schaltkreise der Vierbeiner komplett durch und es liegen echte Tötungsintentionen und Tendenzen zu ungehemmten Angriffen vor. In jedem Fall gilt für mich: Symptome bekämpfen hilft langfristig nicht. Ich muss die Ursachen für ein Verhalten finden und beseitigen, um langfristig Erfolg zu haben.

Dazu brauche ich natürlich die maximale Information über einen Hund und das Mensch-Hund Team. Wann wurde der Hund geboren, wie wurde der Hund geboren, aufgezogen und wie lange ist der Hund schon in der Familie? Was bekommt der Hund zu fressen, wie sieht der Alltag aus? Wie und wann sind die Probleme zum ersten mal aufgetreten und wie haben sie sich intensiviert? Wie haben Halter und Hund sich dann in der Situation verhalten? Gibt es Erkrankungen oder Verletzungen des Hundes oder hat der Hund evtl. mal schlechte (oder gar keine ) Erfahrungen gemacht? Sicher gibt es noch unzählige weitere Fragen, die wichtig für eine umfassende Anamnese nötig sind.

Jeder Hund ist ein Unikat – Und jedes Mensch-Hund Team verdient es, individuell beraten zu werden

Habe ich alle Informationen zusammen, und ist eine medizinische Ursache für ein Problem ausgeschlossen, kann ich mir besagte Situation anschauen und das Problem analysieren. Ziel der Analyse ist dabei, eine oder mehrere Ursachen für das (vermeintliche) Fehlverhalten des Hundes zu finden.

Beispiel Angst und Überforderung – die häufigste Ursache für sogenannte Problemhunde

Ich habe täglich mit Kunden zu tun, die mit ihren „Problemhunden“ an mich herantreten. Dabei stelle ich fest, dass sich das Verhalten der Hunde häufig durch ähnliche Ursachen entwickelt und in immergleichen Mustern auftritt. Ein Schlüsselpunkt dabei: Die Mensch – Hund Beziehung.

Es tut mir Leid, aber hier muss ich nochmal ein wenig ausholen. Hunde sind soziale Tiere und leben mit uns Menschen in sozialen Gruppen. Die wenigsten Hunde sind jedoch derart selbstbewusst, dass sie problemfrei die Führung einer Gruppe in der heutigen Gesellschaft übernehmen können. Dafür liegen die Gründe nicht nur in der Natur des Hundes, sondern vor allen Dingen in der (Früh-) Entwicklung der Tiere. Viele Hunde kommen heute aus dem Ausland, wo sie ihre Kindheit und Jugend auf „der Straße“ oder in Sheltern verbracht haben. Reizarme Aufzucht, (Früh-) Kastration und soziale Isolation in „Einzelhaft“ sorgen für massenweise unsichere Hunde, die nach einer Einfangaktion in das hochindustrialisierte Deutschland gebracht werden.

Oftmals wird diese Aktion als „Rettung“ bezeichnet. (Ein kleiner Seitenhieb gegen den Auslandstierschutz. Es spränge aber den Rahmen, dieses Thema hier ausführlich zu diskutieren).

Es ist jedenfalls nicht verwunderlich, dass heute viele Hunde tendenziell eher unsichere Vertreter ihrer Zunft sind. Was benötigen unsichere Hunde? Richtig: Führung, Anleitung und dadurch folgend Sicherheit. Oftmals mangelt es bei Hundebesitzern aber genau an dieser Stelle. Die Folge: Der Hund übernimmt selbst die Verantwortung und zeigt sich recht schnell überfordert mit der Führungsrolle. Er sucht sein Heil in aggressivem Verhalten. Denn: Der Hund ist nicht blöd und lernt in den meisten Situationen nach einem ganz einfachen Schema: Aus den unmittelbaren Folgen seines Handelns. Sprich:

„ich verhalte mich so (Verhalten A) und das (Reaktion A) passiert“. 

Geht ein Hund seinem genetisch einprogrammierten Verhalten nach und bellt das Unheimliche (z.B. einen fremden Menschen) an, und nimmt dieser daraufhin Abstand, lernt der Hund: Bellen führt zu einer positiven Lösung (für den Hund) der Situation. Super! In der nächsten ähnlichen Situation wird der Hund mit großer Wahrscheinlichkeit wieder zu diesem Verhalten greifen, um die Situation zu lösen. Ein „Problemhund“ ist geboren.

Der Resozialisierungsprozess

Wie arbeiten wir nun an einem solchen Problem, um es langfristig und sicher zu beheben? In der Theorie scheint dies einfach. Ich eliminiere die Ursache, dann tritt das Problem nicht mehr auf. Ganz so einfach ist es in der Praxis leider nicht. Eine Option wäre die Isolation von Stressoren, die aber eher selten praktikabel ist. Lebe ich nicht irgendwo in der Pampa, kann ich mich selten von allen den Hund stressenden Einflussfaktoren isolieren.

Besser ist es, die Mensch-Hund Beziehung zu optimieren, also eine essentielle Basis für ein erfolgreiches und stressfreies Miteinander zu bilden. Danach kann ich anfangen, den Hund mit der Situation zu konfrontieren. Wichtig ist hierbei, dass wir stets mit moderatem Stress arbeiten. Was moderater Stress ist, ist leider auch nicht pauschal zu beantworten, sondern situativ zu entscheiden. Wir müssen uns überlegen, welches Verhalten wir vom Hund wünschen, welches Verhalten also als „Zielverhalten“ von uns definiert wird.

Langfristig das Selbstbewusstsein des Hundes stärken

Sicher und zuverlässig wird besagtes Problem sich nur lösen lassen, wenn der Hund selbstbewusst durch die Begegnung mit einem Stressor kommt. Helfen kann hier, wenn der Hund seinem Menschen vertrauen lernt, was natürlich voraussetzt, dass wir die Bedürfnisse und das Ausdrucksverhalten des Hundes kennen und Lösungen für den Hund präsentieren. Dabei darf der Hund gerne sein normales Ausdrucksverhalten, z.B. Bellen, zeigen. Erlaube ich z.B. dem Hund fremde Menschen anzubellen und mir somit zu signalisieren, dass dort eine Situation ist, in der sich der Hund unwohl fühlt, kann dies langfristig sein Selbstbewusstsein steigern. Der Hund weiß dann: Zur Not kann ich Bescheid geben, dass ich mich unwohl fühle und Herrchen / Frauchen werden dann eine Lösung für mich finden. Natürlich gehen wir auch hier nach der bekannten Philosophie „gewolltes Verhalten verstärken, ungewolltes Verhalten sanktionieren“ vor. Wie gesagt, sollten wir das ungewollte Verhalten jedoch nicht um Dinge wie Bellen erweitern, wenn der Hund Angst hat. In der Theorie stellt sich das Bellen ab, wenn der Hund auch keine Angst mehr hat.

Konkrete Erfolgsgeschichten, Bilder und Videos, Anekdoten und Tipps bekommen Sie in meinen Vorträgen bei der Paracelsus Heilpraktikerschule in Aachen, Dortmund, Düsseldorf und Koblenz.

Foto: Nadine Golomb – Nadisign

Schreibe einen Kommentar