Loben wenn der Hund bellt

Der Hund bellt Menschen an – braver Hund!

Ach ja, heute Morgen war es mal wieder soweit. Wie ihr wisst, oder vielleicht auch nicht, ist unser Balou, Boxer-Schäfer Mix, ein großer Schisser. Durch diverse Falschbehandlung in den ersten Monaten seiner Problemphasen hat er sich zu einem gefährlichen, schwer handelbaren Biest entwickelt.

Eigentlich haben wir das ganz gut in den Griff bekommen, als wir uns dann selbst auskannten und wussten, was zu tun war. Leider hat er natürlich einige Macken behalten bzw. seine Unsicherheit bekommt man nie so richtig in den Griff.

DSC02874

Vor einiger Zeit schrieb ich schonmal von seiner besonderen Angst vor Menschen, wenn er Morgens noch kein Großes Geschäft erledigt hat. Dies fasziniert mich immer wieder. Vor allem fasziniert mich aber auch, was dann in seinem Körper vorgeht. Denn: Hat er einmal einen Menschen angebellt, wird der nächste, der übernächste und der darauf folgende garantiert auch angebellt. Man kann sagen, dass Balou sich so richtig schön in die Sache hineinsteigert.

Balou bellt heute Morgen eine Frau an

Szene heute Morgen: Wir kommen aus dem Haus, eine ältere Dame läuft genau gegenüber auf der anderen Straßenseite mit einer Einkaufstasche entlang. Balou bellt, zieht aber nicht in die Leine. Ich zeige Verständnis für seine Lage, beruhige ihn und packe ihn in den Kofferraum. Während wir losfahren, bellt er wieder. 50 Meter entfernt – normalerweise keine Distanz, bei der er Menschen anbellt – steht ein junger Mann. Wuff Wuff. Mein Hund bellt. Die Frage, die ich mir stelle: Wäre es für den Hund evtl. besser, ich unterbreche sofort sein erstes Bellen, damit er sich nicht in diese Angst hineinsteigert (Klugscheißer bitte beachten, dass ich in diesem Artikel nicht zwischen Furcht, Angst und Unsicherheit unterscheide, wie es korrekt wäre. Ich bin mir der Unterschiede bewusst, verzichte hier aber der Einfachheit halber darauf, weil es in diesem Sachzusammenhang nicht von Bedeutung ist :) ) ?

Doch wie sollte so etwas gehen?

Zuerst einmal ein kleiner Appell an alle Hundebesitzer: Scheuen Sie sich nicht, ihren Hund auch mal bellen zu lassen. Es sollte uns nicht peinlich sein, nicht stören. Hunde bellen nun einmal, und wenn ein Vierbeiner Angst verspürt, dann darf er diese auch äußern. Falsch. Dann sollte er diese äußern (dürfen). Die Konsequenzen aus dem (durch negative Reize) Abbruch des Verhaltens sind nicht, dass der Hund nun weniger Angst vor der Person hat, sondern dass er die Symptome für sein Gefühl nicht mehr äußert. Dies birgt die Gefahr einer falschen Sicherheit, die entsteht, wenn man den Hund in seiner Gesamtheit körpersprachlich nicht lesen kann. Dann nähert man sich diesem Hund evtl. und er beißt dann vermeintlich „aus dem Nichts“ heraus. Hätte sich dieser jedoch seiner Ausdrucksmöglichkeiten wie Bellen oder Knurren bedienen dürfen, wäre man in dieser Situation vielleicht etwas vorsichtiger gewesen.

Negative Reize sollten also definitiv nicht gewählt werden, wenn der Hund aus Angst bellt. Wie schaut es denn mit positiven Reizen aus?

Grundsätzlich möchte ich hier einmal loswerden, dass die Arbeit mit positiven Reizen nicht minder viele Gefahren birgt, als die mit negativen Reizen. Schnell entstehen falsche Verknüpfungen beim Hund, der Hund „hört“ nur noch, wenn die Bestechung bereit steht, oder wir finden nicht die richtige Belohnung für unseren Hund.

Bestechung und Belohnung – Wo liegen die Unterschiede?

Wir unterscheiden bei der Arbeit mit positiven Reizen zwischen Belohnung und Bestechung. Bestechung ist es immer dann, wenn wir dem Hund vor einer Leistung zeigen, was er danach als positiven Reiz bekommt. Die große Gefahr: Habe ich keine Bestechung, funktioniert nichts mehr. Belohnung heißt es dann, wenn der Hund nach der Leistung einen positiven Reiz bekommt.

Bindung Mensch Hund

In meiner Arbeit setze ich beide Formen der positiven Verstärkung ein, jedoch muss man behutsam vorgehen, sich viele Gedanken machen und immer abwägen, welche Trainingsform in welcher Situation angemessen ist.

Zurück zum Bellen. Bestechung fällt hier schonmal ziemlich schnell flach. Das hieße ja, ich habe immer wenn ich rausgehe, etwas super tolles dabei und zeige dem Hund dies vorher. Neben der eher unnatürlichen Weise dieser Art von Spaziergang wäre dann fraglich, ob der Hund sich a) so lange hinhalten lässt, bis der Spaziergang vorbei ist, oder b) auch nach der 10. Begegnung mit Menschen/Hunden/was auch immer noch Interesse an meinem Positiven Reiz hat.

Die Belohnung ist hier sicherlich die bessere Form. Warnend sollte jedoch hinzugefügt werden, dass es auch sein kann, dass der Hund dann die Verknüpfung macht: „ich muss Menschen anbellen -> dann bekomme ich ein Leckerchen“. Die Kunst ist es, dem Hund eine Art „Alles klar, ich habe gesehen, du hast Angst, kein Problem, komm, wir gehen hier entlang“ zu vermitteln, welches, und das ist das schwierige, der Hund glaubt. Der Hund muss Ihnen vertrauen und dafür ist eine optimale Beziehung zwischen Mensch und Hund nötig. Dazu zählt auch, dass Sie über ein wenig Empathie verfügen müssen, sich in den Hund hineinversetzen können und seine Gefühlslage, soweit möglich, nachvollziehen können.

Wenn ein Hund weiß, dass er einen Ausweg aus einer für ihn unangenehmen Situation anstoßen kann, steigt sein Selbstbewusstsein. Dies wird langfristig dafür sorgen, dass er weniger Angst verspürt und weniger Menschen anbellen wird.

Also: Nicht immer draufhauen oder unterbinden, wenn ein Hund bellt.

Was kann man sonst noch machen, wenn der Hund aus Angst bellt?

Ist die Angst des Hundes orts- oder zeitgebunden, kann man über den Apport als Angstbewältigungsstrategie nachdenken. Hier im Video können Sie sehen, wie Balou aufgrund seiner „Aufgabe“, die er hier bekommt, keine Zeit mehr dafür hat, über seine Angst nachzudenken bzw. sich dort hineinzusteigern. Doch auch der Apport ist nur bedingt langfristig sinnvoll, denn er hat keinen Effekt auf die gleiche Situation, sollte der Apport wegfallen. Anders gesagt: Laufe ich die Strecke, und mein Hund kann dort nichts apportieren, so hat er (in der Regel) genauso viel Angst wie vor dem Training auch.

 

Schreibe einen Kommentar