Resozialisierung von Hunden

Resozialisierung von Hunden #1 – Hunde mit schlechten Erfahrungen

Auf besonderen Wunsch von Stephan wollen wir uns heute mal dem Thema Resozialisierung widmen. Im ersten Teil geht es um Hunde, welche schlechte Erfahrungen mit Artgenossen gemacht haben und seitdem vermehrt Aggressionen gegenüber diesen zeigen. Wie wird man Herr dieser Situation, und wie sieht der Weg der Resozialisierung aus. Ein Blick auf unsere tägliche Arbeit.

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Resozialisierung – das bedeutet erst einmal „wieder gesellschaftsfähig machen“. Der Grund für die Notwendigkeit einer Resozialisierung kann diverses sein. Heute schauen wir uns den Fall an, dass ein Hund, unter Umständen bereits früh in seinem Leben, schlechte Erfahrungen mit Artgenossen gemacht hat und sich daraus ein Fehlverhalten entwickelt hat, welches Stephan als „ausflippen“ bezeichnete.

Gehen wir zuerst einmal einen Schritt zurück und schauen uns die Kommunikation der Hunde an. Ich möchte hier nicht den Oberkorrekten spielen, aber im Grunde genommen sind alle Hunde erst einmal aggressiv, was die Aussage „meiner ist aggressiv“ erst einmal als nicht besonders dastehen lässt. Eine weitere, oft benutze Phrase ist „übersteigert aggressiv“. Auch Fr. Dr. Feddersen-Petersen hatte sich auf einem Vortrag mal darüber beklagt, was das denn eigentlich genau bedeute. Niemand hat ein „Maß“ an Aggression festgelegt, es gibt keine Mittel, keine Abweichungen, welche Aggression in einer gewissen Art konkret bzw. messbar für uns machen. Da hätten wir Problem Nummer 1. Dies soll uns aber nicht weiter beschäftigen, denn darum ginge es nur, wollten wir einen streng wissenschaftlichen Text verfassen. Hier soll uns ein „normaler“ Sprachgebrauch erst einmal genügen.

Wir haben also den Fall, dass ein (evtl.) junger Hund schlechte Erfahrungen mit Artgenossen macht. Was löst das in ihm aus? Wie kann es passieren, dass der Hund als Folge dieser Erfahrungen die Lösungsstrategie Aggression bzw. „Angriff ist die beste Verteidigung“ wählt. Kommen wir auf die Kommunikation zurück, ist es so, dass Hunde eigentlich keine Ernstkämpfe eingehen, wenn es nicht um etwas wirklich ernstes geht. Die Frage, was für ein Individuum „ernst“ ist, sei natürlich dahingestellt. Jeder empfindet anders, wir können nicht immer zu 100% deuten und analysieren, was in den Hunden vorgeht. Jeder Hundetrainer, der behauptet, er wisse alles und kann jedem helfen, der macht sich etwas vor. Die Wissenschaft ist noch nicht ansatzweise so weit, wie wir es gerne hätten. Auch wenn wir sicher viele grundsätzliche Erkenntnisse z.B. aus der Humanpsychologie übernehmen können.

Hundeschule Bielefeld

Hunde wollen Konflikte durch Nervenstärke lösen. Ohne echten Biss, häufig auch ohne überhaupt in Berührung mit dem Gegenüber zu kommen. Ungehemmte Aggression ist immer eine Gefahr, auch wenn ich mich überlegen fühle. Ich laufe Gefahr, selbst auch verletzt zu werden. In der natürlichen Aggression unserer Vierbeiner ist natürlich nicht berücksichtigt, dass es Wunddesinfektionsmittel, Kliniken und Ärzte gibt. Daher die Notwendigkeit zur, nennen wir es mal, gewaltfreien, aggressiven Kommunikation.

Zurück zu unserem Vierbeiner, nennen wir ihn mal Bello, der als kleiner Stöpsel schlechte Erfahrungen macht. Was passiert in einem Hund? Wie lernt er? All das sollten wir eigentlich erstmal besprechen. Da ich aber keine Lust habe, meine Finger wund zu tippen (ja, eigentlich könnte man ein dickes fettes Buch zu dem Thema schreiben), werden wir es ein wenig simpel halten.

Die Erfahrung:

Zuerst ist natürlich wichtig, was unserem Bello widerfährt. Bekommt er wahllos heftige Bisse zugefügt? Wird er zurechtgestutzt, weil er sich falsch verhalten hat, oder war etwas nur unglücklich gelaufen? Letzteres ist z.B. meinem Hund mal passiert, als er sich beim beschnuppern mit einem anderen Hund und darauf folgender Spielaufforderung im Geschirr des Gegenübers verhedderte, und es aufgrund der großen Schmerzen und fehlendem Intellekt des Hundes zu einer Beißerei kam.

Gehen wir mal davon aus, dass die Aggressionen, die unserem Bello widerfahren sind, außerhalb dessen waren, was wir als natürliche, angemessene Kommunikation bezeichnen würden. Passiert dies immer und immer wieder, kann der Hund natürlich einen einfachen Schluss ziehen: Wenn ich einem anderen Hund näher komme, dann wird es (mit Verlaub): Scheiße. Ich bekomme einen auf den Deckel von dem anderen Hund und das gefällt mir so gar nicht.

Hunde lernen immer von dem, was gerade passiert ist. Wie haben sie sich verhalten, was war der Kontext und was ist danach passiert. Vereinfacht können wir sagen: Kontext -> Handlung -> Konsequenz!

Unser Bello sieht sich also einem Hund gegenüber: Kontext

Bello reagiert in diesen Situationen auf verschiedene Arten: Handlung

Die anderen Hunde greifen ihn an: Konsequenz

Keine der Verhaltensweisen aus Bellos Repertoire scheinen die Beißerei  verhindern zu können. Was hat unser Hund dann gelernt? Andere Hunde sind doof, die beißen mich. Wie kann er diese Situation verhindern? Wie einen Ausweg finden. Häufig ist dies die Leinenaggression. Irgendwann fängt der Hund an sich zu wehren, nach dem Motto: Das was da hinten ankommt, das fügt mir Leiden zu. Das verbelle ich schonmal, damit es sich vielleicht zurückzieht oder eingeschüchtert ist. Hat der Hund Erfolg mit dieser Verhaltensweise, sinkt die Hemmschwelle für dieses Verhalten und der Hund wird eher bereit sein, in der gleichen oder einer ähnlichen Situation auf die erfolgreiche Verhaltensweise zurückzugreifen. Gleiches gilt auch für das Sitz als Lösung für das „ich hätte aber wirklich gern das Leckerchen in deiner Hand“ Problem. Auch hier lernt der Hund: Wenn ich sitz mache, bekomme ich das, was ich will. Ähnlich können wir uns den Lernerfolg bei der „ich belle schonmal, dann wird die Situation nicht entstehen“ Strategie aus. Dass die Verhaltensweise auf Dauer immer intensiver wird, welche Hormone daran beteiligt sind, sollten wir unbedingt beachten, sprengt hier allerdings den Rahmen dieses Blogs ;-) …

Wie sieht dann aber unsere Resozialisierung aus?

Zuerst müssen wir beachten, dass dieser Hun bereits früh im Leben total verunsichert ist. Er ist schlichtweg überfordert und kann sich selbst nicht helfen. Wir sollten aber auch die Beziehung zwischen Bello und seinem Halter betrachten. Wie verhält dieser sich bei den „Ausrastern“ des Hundes? Wie hatte er sich verhalten, als der Hund angegriffen wurde? Gibt es sonstige Probleme? Läuft alles so, wie wir uns das so vorstellen?

Die Beziehung zwischen Mensch und Hund ist für uns von oberster Priorität. Ich brauche eine Resozialisierung gar nicht anfangen, wenn der Halter nicht mitspielt und bereit ist, seinen Hund zu unterstützen. Er muss Führung übernehmen und den Hund anleiten. Dazu gehört es auch, dem Hund Grenzen zu setzen, Regeln durchzusetzen, aber auch Liebe und Fürsorge zu schenken und für die Bedürfnisbefriedigung des Hundes zu sorgen. Ist die Beziehung in Ordnung, können wir uns dem Hund widmen.

Hundekommunikation verstehen

Was wir brauchen sind: Hundebegegnungen. Natürlich sollte das Ganze erst einmal zu 100% kontrolliert passieren. Fremde Hunde, die wir nicht einschätzen können, sollten vorerst keinen Kontakt zu unserem Bello haben. Wir brauchen souveräne, geduldige Hund mit einem hohen Maß an Frustrationstoleranz. Die Hunde müssen uns vertrauen, denn sie werden zu Anfang vermutlich von Bello angebellt, angegriffen oder in sonstiger Art und Weise unfreundlich behandelt. Unser einziges Ziel ist es aber nicht, dass wir Bello bestrafen, wenn er sich falsch verhält. Grundsätzlich wollen wir dem Hund Selbstbewusstsein einimpfen, dazu zeigen, dass Hunde auch etwas tolles sein können.

Ängste kann man nur loswerden, wenn wir diesen begegnen. Wir wollen Situationen nicht meiden, sondern sie suchen. Dann heißt es: Hund beobachten und sein Verhalten in gewünschte Bahnen lenken. Der Hund sollte keinen Erfolg mit seinen ungewünschten Verhaltensweisen haben. Ich möchte mich hüten, konkrete Tipps und Tricks zu verteilen, weil man nie bei komplexen Problemen Verhaltensweisen aus dem Internet oder TV einfach anwenden sollte, ohne das ganze mal vernünftig durchdacht zu haben. Fakt ist: Wir müssen die problemschaffende Situation suchen und das Verhalten unseres Hundes in gewünschte Bahnen lenken. Weiterhin soll unser Hund durch geschultes Personal (meistens die Hunde der Trainer) lernen, dass es auch liebe Hunde gibt, die ihm nichts böses wollen.

Zum Schluss ein Hinweis: Bitte nicht stumpf die Kommunikation des Hundes bestrafen. Dies kann zu Meideverhalten führen, welches auch gefährlich werden kann. Bellt der Hund nicht, weil er Angst hat, von mir einen drüber zu bekommen, kann es sein, dass er bis kurz vor der Begegnung „die Klappe hält“, um dann ohne weitere Kommunikation zu zeigen, einfach anzugreifen. Denn dann war es doch zu viel für Bello und er konnte nicht an sich halten.

Natürlich kann ein Problem auch aufgrund ganz anderer Dinge vorhanden sein, z.B. neurologische Ursachen. Ein Hund gehört immer professionell analysiert, ggf. medizinisch untersucht, um die Ursachen für ein Problem zu finden. Fragen und Anregungen gerne in die Kommentare posten.

2 Kommentare

  1. Tina sagt: Antworten

    Hey Alex,das ist mal ein guter Text,aber wie zb. Kann ich dem Steve das heftige verhalten abgewohnen,wenn er angepöbelt wird!! Wenn ihn einen „anmacht“ klingt bei dem was aus u er geht drauf los!! Egal ob rüde oder hündin!!
    So plötzliche hundebegegnungen kann er nicht mit um!!
    Wenn ich erst mit dem anderen nen stück an der Leine gehe u Steve merkt die kommen mit u wollen ihm nichts,dann ist er mit jedem verträglich!! Hast du ja mit balou u dem anderen selbst gesehen,dass er eigentlich ein netter ist ;-)
    Vielleicht hast du ne Idee!?
    LG Tina

    1. Alex sagt: Antworten

      Hallo Tina,

      Danke für dein Lob :)
      Was deine Situation betrifft: Das „angebellt werden“ ist natürlich sozusagen die Königsdisziplin, wenn es um Hund-Hund Begegnungen geht. Die Beziehung zwischen dir und Steve muss perfekt sein, er muss dir sehr tief vertrauen, um zu wissen, dass ihm nichts passiert, so lange du dabei bist. Weiterhin erfordert es ein großes Maß an Frustrationstoleranz und Impulskontrolle. Dann fängt man langsam an und steigert sich stetig, aber langsam.
      Falls du noch Fragen hast, immer her damit.

      lg,

      Dein Team vom Hundezentrum Care (Alex)

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