Ballwerfen und Jagen

Mein Hund geht jagen

Der ball fliegt. Mit einer Plastikschleuder wurde er weit geworfen, Weiter als es Thomas mit der bloßen Muskelkraft geschafft hätte. Mit leichter Drehung fliegt der Ball. 40, vielleicht 50 Meter weiter kommt der Ball auf dem Boden auf. Einmal. Dann noch einmal. Dann, kurz bevor der Ball ein drittes Mal die leicht feuchte Wiese berührt, schnappt der Golden Retriever zu. Er packt den Tennisball fest, sodass er nicht mehr entkommen kann.

CARE - Die Hundeschule in Bielefeld: Ballwerfen1

Der Hund bremst leicht ab, macht in einem großen Bogen eine Rechtsdrehung und fängt an den Ball zu schütteln. Sieben, Acht Meter läuft der Hund leicht hopsend mit intensiven Schüttelbewegungen zurück, dann direkt zu Thomas. Dieser wartet freudestrahlend, die Plastikschleuder bereit, den Hund ein weiteres Mal auf die spaßige Hetzjagd zu schicken.

Zwei Wochen später, selber Ort, selbe Zeit. Die Plastikschleuder bleibt heute im Auto, denn ein Anruf sorgte dafür, dass Thomas mit seinen Gedanken nicht ganz bei der Sache war. Sein Golden Retriever lief bereits hektisch neben ihm her, als Thomas bemerkte, dass er die Wurfschleuder im Auto vergessen hatte. Kaum hatte er dies bemerkt, sprintet sein Hund plötzlich los. Thomas konnte gar nicht so genau erkennen wieso sein Hund plötzlich die Lichtung verlassen hatte und in den Wald rannte. Leicht verärgert nahm Thomas die Verfolgung auf. Doch nach kürzester Zeit hatte er keine Spur mehr von seinem Hund.

Die Zeit verging. Minute um Minute, dann Stunde um Stunde. Thomas hatte bereits seine Freunde informiert, die ihm beim Suchen halfen. Spät am Abend tauchte Sein Hund an der Lichtung auf, an der er die Verfolgung eines Tieres aufgenommen hatte. Sein Hellgelbes Fell war dreckig, sein Atem war schnell und laut. Schwanzwedelnd erkannte er Thomas und lief mit letzter Kraft auf ihn zu.

Was war passiert?

Die fiktive Geschichte zeigt den ganz normalen Alltag vieler Hundebesitzer. Das ständige Ballhetzen ist traurige Normalität in Wald und Wiese geworden. Doch wieso ist das Ballwerfen so schlimm?

CARE - Die Hundeschule in Bielefeld: Ballwurf2

Der Retriever ist doch ein Apportierhund!

Natürlich wurde der Retriever als Jagdbegleithund gezüchtet und er liebt es zu apportieren. Doch zwischen Apportieren und Hetzen und dann apportieren ist ein großer Unterschied. Bei der Jagd würde er das Geschossene Wild apportieren, er benützte seine Nase, spürte das Wild auf und brächte es zum Jäger. Dies ist ein sehr anstrengender Auftrag für einen Hund. Setzt der Hund seine Nase derart intensiv ein, ist er danach ziemlich erledigt.

Rennt der Hund aber hinter dem Ball her, ist es nur körperlich anstrengend. Geistig wird er kaum bis gar nicht gefordert. Im Gegenteil: Die Körperkraft und Ausdauer steigt stetig, bis der Hund immer mehr und immer mehr Hetzen muss, bis er (körperlich) ausgelastet ist.

Dazu laufen im Körper nicht uninteressante Reaktionen ab. Jagen ist ein hochgradig selbstbelohnendes Verhalten. Der vermeintliche Spaß wird schnell zu einer Sucht, wie es auch bei unserem Retriever hier geworden ist. Kommt die Droge nicht zur rechten Zeit, wird das Jagen als Ersatzdroge gesucht. Der Hund wird darauf trainiert,  sich bewegende Dinge zu verfolgen, zu packen, zu schütteln und zum Besitzer wiederzubringen und dafür belohnt zu werden (durch Wiederholung des ganzen Vorganges).

Es ist kein Zufall, dass bei vielen Tötungs- und Beißdelikten von Hunden gegenüber Kindern die Hunde gewöhnt waren Bälle zu hetzen und der Übergriff erfolgte als die Kinder Ball spielten.

CARE - Die Hundeschule in Bielefeld: Ballwurf3

Zeitmangel als Ausrede

Natürlich ist es für uns bequem, wenn wir den Hund innerhalb von 10 Minuten (scheinbar) auslasten können. Doch wenn wir uns für ein Zusammenleben mit Hunden entscheiden, dann sind wir dazu verpflichtet, ihnen eine artgerechte Auslastung zu gewährleisten. Suchspiele, Sozialspiele oder gezieltes Arbeiten mit dem Hund lastet den Hund besser, nachhaltiger und artgerechter aus als das Ballwerfen. Weiterhin fördern wir nicht die Jagdbereitschaft des Vierbeiners.

2 Replies to “Ballwerfen und Jagen”

  1. Der Artikel ist sehr schön verfasst. Was mir jedoch geht ist der Verweis das gezieltes Training zum Apportieren im Welpenalter, also auch die Entwicklung von Abrufmöglichkeiten, durchaus später helfen kann den Jagdtrieb im Griff zu halten.

    1. Hallo,
      vielen Dank für die Anmerkung :)

      In dem Artikel sollte es vorwiegend um die Untauglichkeit von Ballwerfen als Beschäftigung und die möglichen Folgen in Bezug auf das Jagdverhalten des Hundes gehen.
      Sie haben natürlich Recht, dass ein guter Abruf und die Arbeit vom Welpenalter an viel Einfluss auf die möglichen Jagdambitionen haben.
      Da denke ich zum Beispiel an das sukzessive Verstärken eines Vorstehers für sein Vorstehen. Ich werde in einem anderen, etwas detaillierteren Beitrag auf das Thema eingehen. Danke.

      lg,

      Alexander Schillack

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